Frau Bertschi, haben Sie Verständnis für die Razzia der Polizei in der Asylunterkunft Oftringen?

Patrizia Bertschi*: Nein, eine solche Aktion ist lächerlich. Es ist völlig logisch, dass in einer Unterkunft für abgewiesene Asylbewerber auch Personen wohnen, die sich illegal in der Schweiz aufhalten. Die Behörden würden ihre Ressourcen besser in anderen Bereichen einsetzen.

Die Staatsanwaltschaft sagt, es habe schon immer solche Kontrollen in Asylunterkünften gegeben.

Vor einigen Jahren fanden noch Kontrollen zwecks Anzeigen von Illegalen in den Notunterkünften statt, um die Ausreisepflichtigen unter Druck zu setzen. Wer genau damals den Auftrag gab, haben wir nicht herausgefunden. Später wurden Razzien durchgeführt, um Drogen oder Deliktsgut zu finden. Dabei wurde nur nebenbei überprüft, ob sich die Verdächtigen illegal in der Schweiz aufhalten.

Haben die verhängten Haftstrafen wirklich eine abschreckende Wirkung auf die Ausreisepflichtigen?

Niemand geht gern ins Gefängnis, das gilt auch für abgewiesene Asylbewerber. Es gibt sicher einige wenige, die Angst vor einer Haftstrafe haben und deshalb das Land verlassen. Für den grössten Teil der Verurteilten wirkt eine solche Strafe aber nicht abschreckend. Deshalb ist die Razzia insgesamt ein ziemlich hilfloser Versuch der Behörden, den Druck auf die Ausreisepflichtigen zu erhöhen.

Weshalb reisen die abgewiesenen Asylbewerber nicht aus, obwohl sie in verlotterten Unterkünften leben und nur 7.50 Fr. pro Tag erhalten?

Ich besuche regelmässig die Unterkunft Holderbank, wo auch Ausreisepflichtige untergebracht sind. Dort höre ich immer wieder, dass die Menschen schlicht nicht ausreisen können, weil es ihnen in ihrer Heimat noch schlechter geht, als hier mit 7.50 Franken Nothilfe pro Tag. Man kann die Frage aber nicht aufs Geld reduzieren, das wäre zu einfach. So sagen mir gerade Leute aus Äthiopien, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, dass sie in der Heimat nach wie vor gefährdet sind.

*Patrizia Bertschi, die Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl sass früher für die SP im Grossen Rat und setzt sich seit Jahren für Asylsuchende im Aargau ein.