Immobilienkongress

Negativzins: Experiment mit offenem Ausgang – auch im Aargau

Immobilien-Experte Donato Scognamiglio warnt vor zu hohen Leerständen bei Mietwohnungen.

Immobilien-Experte Donato Scognamiglio warnt vor zu hohen Leerständen bei Mietwohnungen.

Der Bau- und Immobilienkongress von Bauenaargau und Aargauischer Kantonalbank bringt spannende Ein- und Ausblicke.

Der Aargauer Bau- und Wirtschaftskongress des Branchenverbandes bauenaargau und der Aargauischen Kantonalbank (AKB) ist längst ein fester Bestandteil im Aargauer Wirtschaftsleben. Das zeigte sich eindrücklich bei der neunten Durchführung im fast bis auf den letzten Platz gefüllten, riesigen Campussaal der Fachhochschule Brugg-Windisch. Das liegt am sehr abwechslungsreichen Programm, aber auch daran, dass wir in einer sehr spannenden Zeit leben.

Wie spannend sie ist, wurde aus den Begrüssungsworten von AKB-CEO Dieter Widmer sofort klar. Es sei enorm viel Liquidität vorhanden, sagte Widmer. Seit Jahren lebe man nun mit Negativzinsen. Er mahnte aber, das sei «ein Experiment mit offenem Ausgang». Viele hätten damals eine Inflation erwartet, die sei aus verschiedenen Gründen nicht eingetroffen. Dafür sind jetzt die Börsen im Hoch. Die Risiken stiegen aber im Immobilienbereich angesichts eines grossen Mietwohnungs-Leerbestands, so Widmer.

Damit war die Debatte lanciert. AKB-Chefökonom Marcel Koller wies am Kongress, den die neue AKB-Kommunikationschefin Christine Honegger souverän moderierte, noch auf ein paar weitere Erschwernisse hin. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat erste Folgen: schwächere Wachstumszahlen. Die Brexit-Debatte bringt weitere Unsicherheit. Trotzdem sei das Konsumentenvertrauen erfreulich stabil, aber leicht unter dem langjährigen Durchschnitt, sagte er.

Der Aargauer Konjunkturbarometer der AKB zeigt insgesamt Erfreuliches. Schweizerinnen und Schweizer tätigen wieder vermehrt grössere Anschaffungen. Die Wirtschaftsdynamik im Aargau liege 2019 mit einem erwarteten Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,7 Prozent nur leicht tiefer als die Gesamtschweiz (0,8 Prozent).

2020 erwartet Koller gesamtschweizerisch ein Wachstum von 1,2 Prozent und eine Teuerung von 0,7 Prozent. Mit dem Wachstum ist es aber so eine Sache. 0,3 Prozent davon seien einzig eine buchhalterische Grösse. Denn 2020 finden Olympische Spiele und eine Fussball-EM statt. Die enormen Lizenzeinnahmen von Uefa und Olympischem Komitee mit Sitz in der Schweiz zählen zum Schweizer BIP.

Trotz Entspannungssignalen zwischen den USA und China nähmen die Unsicherheiten an den Aktienmärkten zu, primär aufgrund des schwächeren globalen wirtschaftlichen Umfelds. Eine grosszügige Liquiditätsversorgung durch Zentralbanken sorge jedoch für laufenden Kapitalzufluss an die Börsen. Gegenüber dem Euro sei der Franken «nach wie vor überbewertet», sagte Koller. Man gehe aber davon aus, dass die Nationalbank weiter interveniere, wenn der Euro weniger als 1,08 oder 1,07 Franken koste. Und er baut darauf, dass sie die Zinsen nicht noch weiter senkt, und so nicht den Druck auf die Geschäftsbanken erhöht, ihrerseits von den Sparern Negativzins zu verlangen.

Experte warnt vor Negativzins auf kleinen Vermögen

Nach Koller zündete Donato Scognamiglio, CEO und Partner des Immobiliendienstleisters Iazi AG, ein kleines rhetorisches Feuerwerk. Die Zukunft gehöre den Alten, nicht den Jungen, rief er bewusst überspitzt in den Campussaal. In Japan seien heute drei von zehn Menschen Rentner. In 20 Jahren werde sich die Schweiz dem nähern. Er sage keinesfalls etwas gegen die Rentner, betonte Scognamiglio. Einst zahlten aber pro Rentner sechs Berufstätige in die AHV ein. Längerfristig sind es noch zwei pro Rentner. Letztere müssen dereinst mit weniger Geld auskommen, oder vorher länger arbeiten. Bereits sei der Punkt erreicht, ab dem jährlich mehr Menschen in Rente gehen, als in den Arbeitsprozess einsteigen.

Scognamiglio bezeichnet die Negativzinsen «als grösste Umverteilung von den Sparern zu denen, die Schulden machen.» Das sei heikel. Zudem graut ihm davor, falls es gar auf Vermögen unter 250 000 Franken zu Negativzinsen kommen sollte: «Dann holen die Leute ihr Geld von der Bank. Wenn das alle tun, holt man dort bald nichts mehr», warnte er vehement vor Negativzinsen auch für kleine Vermögen.

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