Unfallgefahr
Nationalrat Maximilian Reimann will künstlichen Lärm für leise E-Velos

SVP-Nationalrat Maximilian Reimann will, dass E-Bikes mit Geräuschgeneratoren ausgerüstet werden. Bundesrätin Doris Leuthard ist dagegen und findet: Die Veloglocke genüge, ausserdem solle zusätzlicher Verkehrslärm vermieden werden .

Fabian Hägler
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Bei der Bundesratsreise 2010 radelte Verkehrsministerin Doris Leuthard mit dem E-Bike durchs Reusstal – dabei kam es auf der Reussbrücke in Rottenschwil zu einer harmlosen Begegnung mit einem Fussgänger.

Bei der Bundesratsreise 2010 radelte Verkehrsministerin Doris Leuthard mit dem E-Bike durchs Reusstal – dabei kam es auf der Reussbrücke in Rottenschwil zu einer harmlosen Begegnung mit einem Fussgänger.

Chris Iseli/Archiv

Immer mehr Senioren sind mit E-Bikes unterwegs. Maximilian Reimann (72) fährt selber kein solches Elektrovelo.

Der Boom bei den E-Bikes macht dem SVP-Nationalrat aus Gipf-Oberfrick aber dennoch Sorgen. «Die Elektrovelos werden immer schneller und zirkulieren auf Velowegen, die nahe und parallel zu Fussgängerwegen verlaufen», hielt Reimann kürzlich in der Fragestunde des Bundesrats fest.

Weil die E-Bikes meist geräuschlos seien, komme es «zunehmend zu Kollisionen mit Fussgängern, insbesondere mit älteren Leuten». Reimann erklärt auf Anfrage: «Ich bin Vorstandsmitglied der Vereinigung Aktiver Aargauer Senioren, in diesem Kreis war die Gefahr durch Elektrovelos ein Thema.»

Gefahr für alle Fussgänger?

Nicht nur für ältere Menschen, sondern für alle Fussgänger stellen die lautlosen, schnellen Fahrräder laut Reimann ein grosses Risiko dar. «Man hört die E-Bikes nicht, erschrickt, macht einen Schritt in die falsche Richtung, schon kommt es zur Kollision», sagt er.

Für den SVP-Nationalrat ist klar: Hier besteht Handlungsbedarf. Daher fragte er den Bundesrat: «Wären da nicht einfache Präventionsmassnahmen zweckmässig, z. B. indem E-Bikes so ausgerüstet werden, dass sie einen Ton von sich geben, vergleichbar mit dem Geräusch, das der Tretmechanismus eines konventionellen Fahrrades erzeugt?»

Maximilian Reimann ist überzeugt, dass sich mit einem solchen Geräuschgenerator die Zahl der gefährlichen Situationen zwischen E-Bike-Fahrern und Fussgängern markant reduzieren liesse.

Leuthard: Veloglocke benützen

Bundesrätin Doris Leuthard sieht hingegen keinen Anlass, auf Reimanns Idee einzugehen. «E-Bikes müssen schon heute mit einer akustischen Warnvorrichtung ausgerüstet sein», sagte sie in der Fragestunde. Lenker von Elektrovelos könnten mit der Fahrradglocke «im Bedarfsfall akustisch auf ihr Herannahen aufmerksam machen», hielt sie fest.

Das gezielt eingesetzte Klingelsignal habe den grossen Vorteil, «dass E-Bike-Lenker an der allfälligen Reaktion der anderen Verkehrsteilnehmer erkennen können, ob ihr Nahen wahrgenommen wird», führte Leuthard aus. Weiter sagte die Bundesrätin, schon heute seien Geräuschgeneratoren an elektrischen Fahrzeugen erlaubt.

Allerdings würden auch künstlich erzeugte Geräusche «von Personen, deren Hörvermögen eingeschränkt ist, schlecht oder gar nicht wahrgenommen». Ausserdem bestehe die Gefahr, «dass sich Lenker von Fahrzeugen mit Geräuschgeneratoren in falscher Sicherheit wiegen und damit die nötige Aufmerksamkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern abnimmt».

Schliesslich würden Geräuschgeneratoren an E-Bikes den allgemeinen Zielen des Bundesrates zuwiderlaufen, den durch den Verkehr verursachten Lärm zu reduzieren. «Aus diesen Gründen sieht der Bundesrat von einer Ausrüstungspflicht von E-Bikes mit dauernd wirkenden Geräuschgeneratoren ab», schloss Leuthard.

Reimann: Appell an Velobranche

Maximilian Reimann gibt sich mit dieser Antwort der Verkehrsministerin vorerst zufrieden. «Ich werde keinen Vorstoss lancieren, um Geräuschgeneratoren für Elektrovelos einzuführen», sagt er. Allerdings appelliert der SVP-Nationalrat an die Hersteller von E-Bikes. «Es wäre ein geringer Aufwand, diese Velos serienmässig mit Geräuschgeneratoren auszurüsten und damit einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten.»

Leuthards Argument, damit würde zusätzlicher Verkehrslärm verursacht, lässt Reimann nicht gelten. «Ein künstlich erzeugtes Geräusch, das ein E-Bike wie ein normales Velo klingen lässt, ist doch kein Lärm», sagt er. Dies sei nicht zu vergleichen mit Immissionen wie dem Knattern eines Motorrads.

Zudem seien Fussgänger nicht nur in städtischen Gebieten oder Agglomerationen gefährdet, sondern auch auf geteerten Wanderwegen. «Dort würde ein relativ leises Geräusch schon genügen, um viel zu bewirken», ist Reimann überzeugt.

Polizei: Unfallzahlen sind gering

Doch wie gross ist die Gefahr für Fussgänger, die von E-Bikes ausgeht, überhaupt? Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, hält auf Anfrage fest: «Wir registrieren nur sehr wenige Unfälle zwischen Velofahrern und Fussgängern, noch seltener sind E-Bikes involviert.»

Tatsächlich finden sich in den Medienmitteilungen der Kantonspolizei kaum Meldungen zu Kollisionen von Radfahrern mit Fussgängern. Der letzte solche Unfall ereignete sich im März 2012, als ein Jugendlicher auf einem Feldweg zwischen Hausen und Windisch auf seinem Velo mit einer Frau zusammenstiess, die ihren Hund spazieren führte.

Dennoch ruft Graser alle Velofahrer zu rücksichtsvollem Verhalten auf. «Egal, ob E-Bike oder normales Fahrrad: Fahren Sie vorsichtig und warnen Sie Fussgänger mit der Glocke, wenn Sie von hinten kommen und dies nötig ist.»

E-Bike-Unfälle nehmen zu

Die Statistik bestätigt die Befürchtungen von SVP-Nationalrat Maximilian Reimann nicht: E-Bike-Fahrer kollidieren nur bei zwei Prozent aller Unfälle mit Fussgängern. Dies geht aus einer Auswertung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) für die Jahre 2011 und 2012 hervor. Schweizweit am häufigsten kollidieren E-Bike-Fahrer mit Autos (64%). Die weiteren sogenannten Unfallgegner sind deutlich seltener: Lieferwagen/Lastwagen (17%), Mofa/Velo (12%), Motorrad (5%).

E-Bikes werden seit 2011 als separate Kategorie von Verkehrsmitteln erfasst. Seither haben die schweren Unfälle mit Elektrovelos klar zugenommen. Laut dem Bundesamt für Strassen wurden vor drei Jahren noch 67 E-Biker schwer verletzt, 2012 waren es 78, im vergangenen Jahr bereits 114. Noch höher dürften die Zahlen 2014 ausfallen: Bereits in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres wurden 66 Elektrovelofahrer auf Schweizer Strassen schwer verletzt.

Unfallopfer häufig über 45-jährig

Eine genauere Analyse nach Unfalltypen zeigt: Die häufigsten schweren Personenschäden entstehen bei Schleuder- und Selbstunfällen. Auffallend ist auch der hohe Anteil der über 45-Jährigen unter den E-Bike-Opfern. Ein Hauptgrund für die steigende Zahl von schweren Unfällen ist laut BfU, dass die höhere Geschwindigkeit von E-Bikes gegenüber herkömmlichen Velos oft falsch eingeschätzt wird. Dies gilt für die Velofahrer wie auch für die anderen Verkehrsteilnehmer.

Die BfU führt deshalb mit der Versicherung Visana eine Sensibilisierungskampagne durch, um das Bewusstsein für das höhere Tempo der E-Bikes zu schärfen. Einerseits machen Plakate mit dem Slogan «Achtung: Das E-Bike ist schneller als man denkt» auf das Problem aufmerksam, andererseits werden Fahrsicherheitskurse empfohlen.

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