200 Jahre Völkerschlacht bei Leipig
Napoleons letztes Aargauer Aufgebot: Betrüger, Trunkenbolde und Schläger

Im Oktober 1813 tobte in Europa der Kampf um die Vorherrschaft. Kaum jemand wollte noch für Napoleon kämpfen. Selbst im Aargau, der ihm seine Existenz verdankt, musste man Rekruten per Los bestimmen.

Mathias Küng
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Französische Grenadiere in einer Nachstellung der Völkerschlacht von Leipzig (Archiv)

Französische Grenadiere in einer Nachstellung der Völkerschlacht von Leipzig (Archiv)

Keystone

Nach der Katastrophe im Russland-Feldzug 1812, in der auch Napoleons vier Schweizer Regimenter fast aufgerieben worden waren, brauchte der Kaiser dringend neues Menschenmaterial. Doch schon vor der Völkerschlacht von Leipzig im Jahr 1813 wurde die Rekrutierung auch in der zur «Lieferung» verpflichteten Schweiz schwierig. Kein Wunder, starben doch in Napoleons Diensten rund 50 000 Schweizer. Bei 1,8 Millionen Einwohnern ein enormer Blutzoll. Selbst im Mediationskanton Aargau, der Napoleon seine Existenz verdankt, stockte der Nachschub.

Völkerschlacht bei Leipzig

Die Völkerschlacht bei Leipzig dauerte vom 16. bis 19. Oktober 1813. Preussische, russische, österreichische und schwedische Truppen kämpften gegen die französische Armee von Napoleon Bonaparte. Mit mehr als einer halben Million Soldaten aus mindestens zwölf Ländern war es bis zum 20. Jahrhundert die grösste Schlacht der Weltgeschichte. Auf der Seite der Verbündeten waren etwa 330 000, auf französischer Seite ungefähr 200 000 Mann beteiligt. Die Zahlen variieren, genauso wie die Angaben über die Gefallenen. Fest steht, dass die Schlacht einen riesigen Blutzoll forderte: Die Verbündeten verloren fast 54 000 Mann, die Franzosen 72 000, wobei etwa die Hälfte davon auf der Flucht, an Seuchen oder in Gefangenschaft starb. (He.)

Der Aargau musste an die von Napoleon schon 1803 geforderten 16 000 Mann 1336 Mann stellen. Jahr für Jahr waren nach verlustreichen Feldzügen «Nachlieferungen» nötig. 1812 sollte der Aargau 161 Soldaten stellen, 1813 gar 241. Doch nach dem Russland-Feldzug war der Aargau Anfang Februar 1813 mit 77 Mann im Rückstand. Die Regierung rief die Gemeinden auf, Rekruten mit Geld zu gewinnen. Wenn das nicht reiche, solle man Betrüger, Spieler, Trunkenbolde, Schläger, Väter unehelicher Kinder usw. einziehen.

Frau rettet Mann in letzter Minute

Das Reussstädtchen Mellingen schrieb nach dem Aufruf nach Aarau, niemand habe sich gemeldet. Auch Muri im Freiamt fand keine Freiwilligen. So wurde der frühere Luzernerbote Joseph Kretz zwangsrekrutiert und in Aarau abgeliefert. Seine Ehefrau fuhr ihm nach und bat die Werbekommission eindringlich, ihn zu verschonen. Die wackere Frau durfte ihren Mann tatsächlich nach Hause nehmen. Ihm wurde aber auferlegt, er solle sich künftig «eines untadelhaften Lebenswandels befleissigen».

Aufstand in Gansingen

Wenn sich niemand meldete, entschied das Los, welche Unglücklichen unter den 19- bis 37-jährigen Männern für Napoleon kämpfen und sterben durften. Über 25-jährige Verheiratete waren dispensiert. Wen das Los traf, der hatte eine letzte Chance. Wer einen Ersatzmann fand, durfte daheimbleiben. Doch im November 1813, kurz nach der Völkerschlacht, wurde die Losziehung verschiedentlich verweigert – etwa in Attelwil, Reitnau, Sisseln. In Gansingen im Mettauertal musste der staatliche Vertreter gar flüchten. Auch zehn Landjäger, die die Rädelsführer des Aufstands und vier Rekruten abholen sollten, vermochten nichts auszurichten. Schliesslich schickte «Aarau» drei Kompanien Militär inklusive einer Anzahl Reiter. Das genügte dann. Doch bald darauf stellte man die Werbungen ein. Am 20. Dezember beschloss die Schweiz, ihre Regimenter aus Frankreich heimzurufen.

Die rechtliche Erledigung des Aufstandes von Gansingen zog sich übrigens bis über die Ära Napoleon hin. 1817 erliess der Kanton der Gemeinde die Kosten für den Militäreinsatz.