Sexting

Nacktfotos werden zum Albtraum – Sexting-Experten schlagen Alarm

Ein junger Schweizer hat mit einer List Nacktbilder von Jugendlichen erhalten und sie damit erpresst. Für Experten ist diese erste bekannte Missbrauchs-Anklage im Aargau ein Paradebeispiel für Sexting. Das Phänomen ist auf dem Vormarsch.

Ein kurzer Fingertipp und das Nacktfoto erscheint auf dem Smartphone des Klassenkameraden – «Sexting geht sehr schnell», sagt Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe bei Pro Juventute Schweiz. «So schnell, dass sich junge Erwachsene die Konsequenzen gar nicht vorstellen können.»

Er sieht den Fall des Aargauer Sexting-Täters, gegen den nun Anklage erhoben wurde, als Paradebeispiel dafür, wie sich Sexting für Beteiligte zum Albtraum entwickeln kann.

Der heute 22-jährige Beschuldigte hatte sich auf Facebook und via Whatsapp als junge, hübsche Frau ausgegeben, die auf der Suche nach sexuellen Abenteuern ist. «Sie» kontaktierte männliche, minderjährige Jugendliche und verleitete diese, ihr Nacktfotos zu schicken.

Anschliessend erpresste der Täter die Jugendlichen und drohte, die Fotos zu verbreiten – wenn sie sich nicht mit ihm sexuell einliessen. «Bei zwei von acht Jugendlichen gelang dies», sagt Elisabeth Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Es ist der erste bekannte Anklagefall im Kanton Aargau, der auf dem Phänomen Sexting basiert.

Sexting: 22-Jähriger erpresst Buben mit Nacktfotos

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Immer mehr Junge betroffen

Die Problematik ist auf dem Vormarsch. «Pro Woche rufen bei uns im Schnitt fünf bis sechs Jugendliche an, die ein Problem haben, das durch Sexting entstanden ist», sagt Kiener, der die Kampagne «Sexting kann dich berühmt machen. Auch wenn du es gar nicht willst» der Pro Juventute betreut.

In einer Studie gaben sechs Prozent der befragten Schweizer Jugendlichen an, schon selbst erotische oder aufreizende Fotos oder Videos über das Handy verschickt zu haben.

«Die Tendenz ist steigend», sagt Kiener. Denn: Sexting ist ein noch junges Phänomen, das erst durch Smartphones und Co. möglich wurde.

Und durch jugendliche Naivität: «Neugier, Schmetterlinge im Bauch, aufkeimende Sexualität – in der Pubertät verlieren die jungen Leute manchmal den kühlen Kopf.»

Sexting an sich sei aber keine Straftat. «Es entsteht daraus jedoch schnell eine kriminelle Handlung», warnt Elisabeth Strebel. Wird der jugendliche Leichtsinn nämlich durch Weiterverbreiten oder Erpressen missbraucht, «kann das dramatische Folgen haben», sagt auch Kiener.

Sein Tipp: Die Eltern sollen die Kinder sensibilisieren. «Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern über die Risiken von Sexting sprechen», so Kiener.

Sexting zu Hause besprechen

Auch bei der Jugendarbeit Wettingen hat man die Problematik des Phänomens erkannt und leistet Präventionsarbeit: «Gemeinsam mit einem Polizisten, der um die Gefahren des Sexting weiss, klären wir die Jugendlichen darüber auf», sagt Leiterin Katja Stockmann.

Sie sei erstaunt gewesen, dass die Jugendlichen die Grenze, ab wann eine Handlung im Internet kriminell ist, oft nicht kannten. «Auch die schnelle Multiplikation von Nacktbildern war ihnen nicht bewusst», so Stockmann.

Urs Kiener empfiehlt, nur solche Bilder zu verschicken, «bei denen man sich nicht schämen würde, erschienen sie am nächsten Tag in der Zeitung».

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