Prozess

Nachbarn ziehen wegen Bubenstreich vor Gericht – Richterin ist genervt

Klingelstreich in Birrwil endet vor Gericht

Klingelstreich in Birrwil endet vor Gericht

Als René Baumanns Nachbarsjunge aus Jux mehrmals bei ihm klingelte, stellte er diesen unsanft zur Rede. Noch am selben Abend hatte er eine Anzeige wegen Tätlichkeit am Hals.

Ein scheinbar harmloser Klingelstreich eines Jungen endet vor Gericht. Es stellt sich heraus, dass seine Eltern und der Nachbar bereits ein vorbelastetes Verhältnis hatten. Die Richterin nervt sich, dass die Erwachsenen ihren Konflikt nicht anders lösen konnten.

Es ist ein Streich, den jeder Erwachsene als Kind selbst einmal gespielt hat: An einer fremden Klingel läuten und möglichst schnell davonrennen. Die anderen Kinder warten hinter der nächsten Ecke und kichern umso lauter, wenn der Hausbewohner wütend wird. Ein harmloser Streich, wenn der Klingelattacke nicht ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit zuvorgeht. So im Fall von Sascha (Name geändert). Der Bub klingelte am Neujahrsabend 2017 bei seinem Nachbarn René, der in der Terrassensiedlung in Birrwil über ihm und seiner Familie wohnte. Sascha klingelte insgesamt sieben Mal, wie er später der Kantonspolizei während zweier Videobefragungen sagen wird.

Denn der Bewohner, der an diesem Abend Opfer des Klingelstreichs wurde, musste sich gestern als Beschuldigter vor Bezirksgericht Kulm verantworten. Der Vorwurf: Der 68-Jährige soll den damals achtjährigen Buben beim letzten Klingeln abgepasst, ihn mit beiden Händen an den Oberarmen gepackt und geschüttelt haben. Deshalb erhielt er einen Strafbefehl und eine Busse von 100 Franken. Dagegen reichte er Einsprache ein. Vor Gericht standen gestern René als Beschuldigter, der heute 10-jährige Sascha, sein Vater Andreas als Privatkläger und seine Mutter.

Jahrelanger Nachbarschaftsstreit

«Das Verhältnis war schon immer schlecht», antwortete René auf die Frage der Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs, wie die Beziehung zu den Nachbarn war. Seit drei Jahren wohnten die zwei Familien in derselben Siedlung. «Die ganze Überbauung wurde von der Familie terrorisiert. Es gibt Polizeirapporte, die man nachlesen kann», sagte René. Es sei mehrmals zu Streitigkeiten gekommen, sei es wegen Lärm oder Feuer. Er habe früher selber auch Streiche gespielt, «aber irgendwann ist genug», sagte der Beschuldigte. Er habe Sascha weder geschüttelt, noch habe er den Bub an die Wand gedrückt, sondern ihn verbal ermahnt. «Ich sagte, er solle jetzt sofort damit aufhören und nach Hause verreisen.» Den Kontakt zu Saschas Eltern habe er an diesem Abend nicht gesucht, denn dieser war bereits vorbelastet.

Machtkampf statt Kindeswohl

Saschas Vater Andreas vertrat sich vor Gericht selber. Während der ganzen Verhandlung fiel es ihm schwer, ruhig zu bleiben. «Es scheisst mich an», sagte er etwa zu seiner Frau, als er die Aussagen seines Nachbarn als Lüge empfand. Den Beweisergänzungsantrag von Andreas, seine 13-jährige Tochter solle noch einmal zur Sache befragt werden, lehnte die Gerichtspräsidentin gleich ab. Er habe die Entscheidung, Anzeige zu erstatten, ganz seinem Sohn überlassen, sagte Andreas.

Der Bub habe sich bei diesem Vorfall vor Angst in die Hosen gepinkelt und sei dann wieder zum Bettnässer geworden. «Wir waren eine zu junge Familie für diese alte Überbauung», sagte der Vater des Buben. Die Kinder hätten sich mit den Klingelstreichen auf ihre Weise für den Kinderhass revanchiert: «Er wollte die Kindheit meiner Kinder einschränken, indem er ihnen sagte, wo sie zu spielen hatten und wo nicht.»

Die Prozessbeobachter wurden das Gefühl nicht los, dass sich die Verhandlung nicht primär um das Wohlergehen des Buben, sondern um einen Machtkampf zwischen Erwachsenen drehte. Während der Anwalt des Beschuldigten auf einen Freispruch für seinen Mandanten plädierte, schlug sich der Vater des Buben mehrmals demonstrativ mit der Handinnenfläche auf die Stirn. Das Plädoyer wurde durch mehrere Zwischenrufe und Lacher gestört.

Der Verteidiger von René kritisierte, Saschas Vater habe nicht einmal kurz abgewogen, ob er die Polizei rufen solle, sondern habe an jenem Abend per Mail eine Anzeige gemacht. Der Bub habe den Vorfall während der Videobefragungen relativiert, während sein Vater wilde Geschichten erzählte. Ausserdem wäre der Tatbestand einer Tätlichkeit nicht einmal erfüllt gewesen, wenn sein Mandant den Buben wirklich gepackt hätte: «Von einer Tätlichkeit spricht man bei einer Ohrfeige oder einem Faustschlag», sagte der Verteidiger.

Mutwilligkeit im Antrag

Das Gericht folgte dem Antrag des Anwalts und sprach René frei. «Es ist unverständlich, dass wegen eines solchen Bubenstreichs ein Strafverfahren geführt werden muss», hielt Gerichtspräsidentin Thöny Fäs fest. «Was Du gemacht hast, ist nicht dramatisch», sagte sie zu Sascha, der während der ganzen Verhandlung etwas ratlos zwischen seinen Eltern sass. «Das ist das Ergebnis davon, dass Erwachsene als Nachbarn Schwierigkeiten hatten», fuhr sie fort. Ausserdem auferlegte sie die Verfahrenskosten dem Vater des Buben: «Es ist eine gewisse Mutwilligkeit in der Antragstellung zu erkennen», so die Gerichtspräsidentin.

Die beiden Familien sind heute keine Nachbarn mehr, Saschas Familie ist in einen anderen Kanton gezogen.

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