Gleich beide Aargauer Kantonsspitäler sind derzeit mit Vorwürfen gegen Chefärzte konfrontiert. In Aarau hat ein Arzt das Abrechnungs- und Erfassungssystem für medizinische Leistungen manipuliert und unrechtmässig Honorare bezogen.

Dies habe eine Rückzahlung und eine personalrechtliche Massnahme gegen ihn zur Folge gehabt, sagte die Spitalsprecherin. In Baden hat ein Arzt falsche Rechnungen gestellt, wie das Spital einräumte. Ausserdem steht der Verdacht im Raum, dass er bei Operationen nicht anwesend war, diese aber dennoch verrechnete.

Nun zeigt eine Nachfrage beim Kantonsspital Baden: Die publik gewordenen Vorwürfe haben einiges ausgelöst. Die Spitalleitung habe gleich mehrere Sofortmassnahmen in die Wege geleitet, teilt Sprecher Omar Gisler mit.

So wurde PricewaterhouseCoopers (PwC) mit der Überprüfung der Abrechnungen der vergangenen Jahre betraut. Diese externe Untersuchung ist derzeit im Gang, wie lange sie dauern wird, ist laut dem Spitalsprecher offen.

Gutachten von externem Arzt

Gisler sagt weiter, ein externer Arzt werde in einem Gutachten die Frage beantworten, ob der Ehrenkodex bei der Honorarabrechnung für halbprivat- und privatversicherte Patienten am Kantonsspital Baden korrekt ausgelegt worden sei.

Dieser besagt, dass ein Arzt bei einem Eingriff zwingend im Operationssaal anwesend sein muss, wenn er eine Leistung verrechnen will. Ausnahmen sind nur vorgesehen, wenn der Chefarzt zu einem Notfall gerufen wird.

Gisler hält weiter fest, dem Kantonsspital Baden sei die detaillierte Aufarbeitung des Vorfalls ebenso wichtig wie ein minutiöses und transparentes Abrechnungswesen sowie ein ethisch und juristisch korrektes Verhalten der Mitarbeitenden.

Neben den Aufträgen an die Prüfungsfirma und den externen Gutachter hat das Spital auch sein internes Controlling verschärft. «Bei den Fakturierungen wird auf eine lückenlose Durchsetzung des Vier-Augen-Prinzips gepocht und Anwesenheiten im Operationssaal sind zu testieren», führt Gisler aus.

Das heisst konkret: Auf dem OP-Bericht muss jeder Arzt mit seiner Unterschrift bezeugen, dass er tatsächlich im Saal anwesend war. Ausserdem seien sämtliche Mitarbeitenden aufgefordert worden, die geltenden Regelungen strikte einzuhalten, sagt der Spitalsprecher.

«Keine Bereicherungsabsicht»

Die ersten internen Abklärungen am Kantonsspital Baden hatten ergeben, dass vereinzelte Abrechnungen eines Arztes tatsächlich Fehler enthielten: In einigen Fällen rechnete er zu viel, in anderen zu wenig ab.

Gisler betont indes: «Nach derzeitigem Kenntnisstand ist weder eine Systematik noch eine Bereicherungsabsicht erkennbar.» Zudem halte sich der finanzielle Schaden – immer mit dem heutigen Wissensstand – in engen Grenzen.

Und er verspricht, soweit die fraglichen Abrechnungen rückabgewickelt werden könnten, würden deshalb «weder die Versicherungen noch die öffentliche Hand zu Schaden kommen».

Das heisst konkret: Die Kosten für die betreffenden Eingriffe sind im Tarmed-System geregelt. Diese wurden den Krankenkassen korrekt in Rechnung gestellt, zumal die Operationen tatsächlich vorgenommen wurden.

Sollte sich nun herausstellen, dass ein Chefarzt tatsächlich nicht anwesend war, sein Name aber dennoch auf dem Operationsbericht steht, müssten die spitalinternen Verrechnungen geändert werden.

Spitalsprecher Gisler hält grundsätzlich fest, beim Abrechnungswesen in Baden sei «ein State-of-the-Art-Level, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, gewährleistet». Er sagt weiter, im Rahmen der laufenden Untersuchungen würden auch die Kontrollmechanismen überprüft.

Ob es Anpassungen braucht, ist derzeit noch offen. «Allfällige Änderungen der Vorschriften zum Abrechnungsprozess werden nach dem Abschluss der Untersuchung aufgrund der Resultate von der Geschäftsleitung des Kantonsspitals Baden festgelegt», sagt Gisler.

Aarau: Ehrenkodex im Vertrag

Weniger auskunftsfreudig gibt sich das Kantonsspital Aarau – möglicherweise, weil zur Honorarmanipulation eines Arztes derzeit ein politischer Vorstoss von SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati hängig ist.

Spitalsprecherin Andrea Rüegg sagt auf Anfrage weiterhin nichts zur Art der personalrechtlichen Massnahme gegen den fehlbaren Arzt sowie zur Höhe des unrechtmässig verrechneten Betrags.

Rüegg hält nur allgemein fest, die korrekte Leistungserfassung der ärztlichen Honorare sei in den vergangenen Jahren stichprobenweise durch interne Stellen am Kantonsspital Aarau überprüft worden.

Spital-CEO Robert Rhiner lege grossen Wert auf diese Führungs- und Kontrollprozesse, deshalb werde die entsprechende Praxis auch in Zukunft fortgesetzt.

Weiter sagt die Sprecherin, Ärztinnen und Ärzte seien «per Arbeitsvertrag für die am Kantonsspital Aarau geleistete Arbeit auf den Ehrenkodex ihrer jeweiligen Fachgesellschaft verpflichtet».

Demnach verfolgt Aarau hier also dieselbe Praxis wie Baden. Rüegg betont, Verfehlungen würden nicht toleriert und «wie beim bereits am 2. März intern wie extern veröffentlichten Fall mit entsprechenden Massnahmen geahndet».

Die Medienmitteilung zum Manipulationsfall ist inzwischen allerdings schon wieder von der Website verschwunden.