«Wäre mein Velosattel eine Minute früher abgeknickt, wäre ich auf einer steilen, stark befahrenen Strecke gestürzt», sagt Bernhard Jungen, hält inne und meint: «Der Aufprall wäre durch mein rasantes Tempo auf dem E-Bike bestimmt viel schlimmer verlaufen.» Doch Jungen hatte Glück im Unglück – am letzten Sonntag stürzte der 61-Jährige in einem Kreisel in Worb vorn über die Lenkstange und blieb liegen. Schuld war ein Defekt am Sattel. Welche Verletzungen er sich zugezogen hatte, wusste er auf der Unfallstelle noch nicht. «Dank dem Velohelm blieb ich am Kopf unverletzt. Ich stand aber durch den riesigen Schreck und die Schmerzen unter Schock», sagt Jungen, der sich eine Rippe und den Ellenbogen gebrochen hat. Kaputt gegangen ist auch das E-Bike, das seiner Frau gehört.

Hilfe erhielt der verletzte Velofahrer durch eine Frau, die beim nahen Tankstellenshop eingekauft hatte und den Selbstunfall mitbekam und herbeieilte. «Sie hielt mit einem weiteren Helfer den Verkehr an, brachte mich und dann auch mein Velo in Sicherheit», erzählt Bernhard Jungen gerührt ob der Fürsorge und Hilfe der Frau. Diese liess den verletzten Mann aus Worblaufen nicht einfach auf einem Mäuerchen sitzen, sondern kaufte ihm im nahen Tankstellenshop etwas zu trinken und half ihm seine Frau anzurufen, die aber nicht zu Hilfe eilen konnte. «Sie hatte mich gerade bei der Pflege meiner schwerkranken Mutter abgelöst und unsere erwachsenen Kinder waren auch nicht in der Nähe», sagt Jungen. So brachte ihn die Unfallhelferin schliesslich ins Spital Tiefenau. «Sie wich nicht von meiner Seite, bis ich aufgenommen war.»

Schreiber und Papier fehlten

Nach einem Nachmittag im Spital wurde Bernhard Jungen entlassen. «Ich hatte unfassbar viel Glück und Schutzengel um mich herum», betont der reformierte Pfarrer, der sich bei seinem irdischen Helferengel persönlich bedanken möchte. Da der Adressenaustausch in der Notaufnahme mangels Papier und Schreibzeug nicht stattfand, sucht der 61-Jährige nun nach der Frau aus Zofingen. Ihren Namen weiss er, doch er konnte sie nicht kontaktieren, weil er keinen Telefonbucheintrag fand. Bei der Stadtverwaltung versuchte er es aus Datenschutzgründen nicht, sondern rief die Redaktion des Zofinger Tagblatts an. «Dass jemand sein ganzes Programm auf den Kopf stellt, um einem anderen zu helfen, ist nicht selbstverständlich.»

Besonderes Dankeschön

Sein Merci soll ein besonderes sein. Mit seiner Velo-Bar «Unfassbar» ist er Ende Juli als Klimabotschafter der Challenge «Join the Journey» des Ökozentrums Langenbruck unterwegs. Auf dem Weg von Bern nach Basel will er einen Halt in Aarburg einlegen. Vor zwei Jahren ging Bernhard Jungen in Frühpension, um etwas Neues anzupacken. «30 Jahre auf der Kanzel waren für mich genug», sagt Jungen, der in der reformierten Kirchgemeinde Ittigen bei Bern als Seelsorger tätig war. Nach einer kurzen Ruhepause war die Idee der mobilen Biertheke geboren. «Wir sind dort, wo das Leben stattfindet. Statt Bibelversen gibts Bier und Begegnungen.» Mit seinem Pfarrkollegen Tobias Rentsch ist er an Festivals, Märkten und Strassenfesten, wo sie Bier ausschenken. Im letzten Jahr haben sich die beiden gefunden und haben mit der Hilfe von Freunden ein halbes Jahr an der Velo-Bar gebaut. Das Gefährt ist ein dreirädriges Velo mit Elektromotor, umgebaut zu einer mobilen Bar.

Der Name «Unfassbar» sei ein Wortspiel, das sich auf die Bar und auf die unfassbaren Geschichten, die das Leben schreibt, bezieht. «Ich erfahre und spüre immer wieder, wie sehr es die Menschen berührt, dass einer wie ich um die 60 einen Neuanfang gewagt hat.» Es gebe Phasen im Leben, die nach Veränderung rufen. Dies bedeute aber nicht, alles auf den Kopf zu stellen. «Vielmehr geht es darum, im Bestehenden beweglich zu bleiben», ist Jungens Fazit. Dennoch ist ihm klar, dass er auch viel Glück und Unterstützung hat. «Es ist wundervoll in einer Kirche zu Hause zu sein, die ein solches Projekt mitträgt», sagt Bernhard Jungen und meint damit die reformierten Berner Landeskirchen, die das Projekt unterstützen. Die als Verein organisierte «Unfassbar» wird von Einzelspenden und Kirchgemeinden finanziert.

Auf die kritische Frage zum Thema Alkohol entgegnet Jungen: «Wir sind im Namen dessen unterwegs, der Wasser in Wein verwandelte, und Bier gehört zur Schweizer Festkultur.» Die vielen Kontakte kämen an einer Sirupbar nie zustande. Alkoholfreie Getränke hätten sie aber selbstverständlich dabei und den Jugendschutz nehmen sie ernst. Da sie das Gespräch suchen, schenken sie nicht kostenlos aus, sondern verkaufen einen Drei-Deziliter-Becher für fünf Franken. «Gerne würde ich mit meiner Unfallhelferin aus Zofingen anstossen», sagt Bernhard Jungen.

Die gesuchte Unfallhelferin kann sich bei Bernhard Jungen unter bernhard@die-unfassbar.ch oder 078 921 78 76 melden.