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Nach Türkei-Kriegstheater: Auch im Aargau finden Gallipoli-Gedenkfeiern statt – was dahinter steckt

Schweres Geschütz: In der Schlacht von Gallipoli verteidigen türkische Artilleristen    1915 ihr Land gegen die Entente-Mächte Vereinigtes Königreich, Frankreich und Russland.

Schweres Geschütz: In der Schlacht von Gallipoli verteidigen türkische Artilleristen 1915 ihr Land gegen die Entente-Mächte Vereinigtes Königreich, Frankreich und Russland.

Türkischstämmige Schüler stellen Kriegsszenen nach: Was im Thurgau für heftige Kritik sorgt, wird auch jedes Jahr im Aargau gefeiert. Was dahinter steckt – und wieso der Kanton nicht viel unternehmen kann.

Was bislang in der Schweiz nur Historikern und Menschen türkischer oder australischer Herkunft ein Begriff gewesen sein dürfte, ist plötzlich zum nationalen Thema geworden: Die Schlacht von Gallipoli von 1915. Wie der «Sonntagsblick» publik machte, führten in Uttwil TG türkischstämmige Primarschüler ein Theater auf, in dem die Schlacht nachgestellt wurde.

Wie ein Video zeigt, traten die Kinder salutierend in Uniform auf, schossen mit Spielzeuggewehren aufeinander, bedeckten Gefallene mit der türkischen Flagge. Eingeübt wurde das Theater im Rahmen der sogenannten Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur, auch bekannt als Heimatkundeunterricht.

Von der Botschaft organisiert

Auch im Kanton Aargau finden jedes Jahr Gedenkfeiern für die Schlacht von Gallipoli statt. Veranstaltet werden sie von privaten türkischen Trägerschaften. Offenbar besteht im Aargau – anders als im Thurgau – aber kein Zusammenhang zwischen dem Heimatkundeunterricht und den Kriegsfeiern.

Simone Strub, Sprecherin des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS) von Regierungsrat Alex Hürzeler (SVP), sagt auf Anfrage, man habe, abgesehen vom Hinweis im «Blick», keine Kenntnis entsprechender Aufführungen. «Das BKS hat aber auch keinen Auftrag, die Inhalte der Heimatkundekurse zu kontrollieren, da es sich nicht um ein Angebot der Volksschule handelt», erklärt Strub.

«Die Offenheit muss natürlich gegenseitig sein und darf nicht missbraucht werden.»

Lilian Studer, Grossrätin EVP

«Die Offenheit muss natürlich gegenseitig sein und darf nicht missbraucht werden.» 

Die Verantwortung für die Inhalte liege bei den jeweiligen Trägerschaften. Die Kurse würden von den offiziellen Vertretungen der Herkunftsstaaten (Botschaften, Konsulate) oder von privatrechtlichen Trägerschaften wie etwa Elternvereinigungen angeboten und finanziert. Weder die Anbieter noch die Schulen, welche dafür Schulräume zur Verfügung stellten, seien verpflichtet, dies dem Departement BKS zu melden.

Organisatoren äussern sich nicht

Die aktuelle Kursliste des Kantons zeigt, wo überall türkische Heimatkundekurse angeboten werden: in Aarau, Aarburg, Brugg, Kleindöttingen, Lenzburg, Menziken, Möhlin, Neuenhof, Oftringen, Rheinfelden, Seon, Spreitenbach, Stein, Suhr, Unterkulm und Windisch.

Als Trägerschaft wird der Erziehungsrat der Türkischen Botschaft in Bern aufgeführt, als Zuständiger für die Koordination der Kurse im Kanton Aargau Gökhan Kayir aus Aarburg. Kayir wollte sich auf Anfrage der AZ nicht äussern und verwies an die Botschaft. Diese bat um schriftliche Fragen, die sie bis gestern Montagabend aber noch nicht beantworten konnte.

Die Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) gibt es im Aargau seit den Sechzigerjahren, sie wurden damals für die Kinder italienischer Gastarbeiter eingeführt. Aktuell werden sie in 18 Sprachen angeboten, darunter Türkisch. Zwei- und mehrsprachige Schülerinnen und Schüler können darin ihre Muttersprache festigen. Zudem erwerben sie Kenntnisse über die Kultur ihrer Eltern, Themen sind Traditionen, Geschichte und Geografie. Simone Strub betont, der Besuch der HSK-Kurse sei freiwillig, die Vermittlung der Herkunftssprachen und -kulturen «nicht Teil des Volksschullehrplans».

Bei SVP und EVP auf dem Radar

EVP-Grossrätin Lilian Studer kann den Grundgedanken des Heimatkundeunterrichts nachvollziehen. Sie ist selber Norwegerin und sagt: «Ich verstehe das Anliegen, wissen zu wollen, woher man kommt.» Auch der Sprachunterricht sei nichts Schlechtes: «Davon kann man beim Lernen anderer Sprachen profitieren.» Studer war kürzlich im albanischen Kurs zu Gast, um ein Grusswort zu halten. Sie habe eine grosse Offenheit gespürt. «Diese muss natürlich gegenseitig sein und darf nicht missbraucht werden.» Aufgabe der HSK sei die Integrationsförderung. Sollten die Kurse diesem Ziel entgegenwirken, wäre dies nicht verantwortbar.

SVP-Grossrätin Michaela Huser hat Anfang März, anderthalb Wochen vor dem Gallipoli-Gedenktag, eine Interpellation zu den HSK-Kursen eingereicht. Huser sagt, türkische Bekannte hätten ihr gegenüber Bedenken geäussert, ihre Kinder in den Kurs zu schicken, da sie dort eine politische Beeinflussung befürchteten.

Sie habe daraufhin herausgefunden, dass es in Deutschland einen solchen Unterricht gebe, für den die Lehrkräfte vom Konsulat Zielvorgaben und einen eigenen Lehrplan erhielten. «Entsprechend bin ich auch nicht überrascht über die Vorkommnisse im Thurgau», sagt Huser. Sie will nun von der Aargauer Regierung wissen, wie die Zuständigkeiten und die Verantwortung der privaten Trägerschaften geregelt sind und wie man sicherstellt, dass Kinder in den Kursen nicht indoktriniert werden.

Möglichkeit: Räume kündigen

Simone Strub vom Bildungsdepartement sagt, bei begründeten Hinweisen, dass in den Kursen Indoktrination betrieben werde, habe die Abteilung Volksschule die Möglichkeit, die Schulen vor Ort zu informieren und ihnen nahezulegen, der betreffenden Trägerschaft keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen. Bei Kursen, die von Konsulaten oder Botschaften angeboten werden, müsste der Weg über bilaterale Gespräche mit den Verantwortlichen des Herkunftsstaats führen, «dies jedoch sinnvollerweise im Verbund mit den anderen Kantonen unter dem Dach der Konferenz der Erziehungsdirektoren».

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