Vierfachmord
Nach Rupperswil-Prozess: Jetzt äussert sich Richter Aeschbach – etwas gibt ihm zu denken

Erstmals äussert sich der Bezirksgerichtspräsident zum Fall Rupperswil. Schwer beschäftigt hat ihn dabei «das Aggressionspotenzial, das an der Verhandlung nicht anwesende Personen gegenüber der amtlichen Verteidigerin des Beschuldigten ausdrückten.»

Mario Fuchs
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Das Bezirksgericht Lenzburg: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Gerichtsschreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP) und Luca Cirigliano (SP).

Das Bezirksgericht Lenzburg: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Gerichtsschreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP) und Luca Cirigliano (SP).

Marco Tancredi

Für das Bezirksgericht Lenzburg waren die letzten Tage und Wochen beispiellos. Die ganze Schweiz hatte Augen und Ohren auf die Verhandlung im Fall Rupperswil gerichtet.

65 Medienschaffende von 35 Zeitungen, Magazinen, Radio- und TV-Stationen waren akkreditiert. Ausländische Sender wie RTL oder Welt TV kamen für den Prozess zum Vierfachmord nach Schafisheim.

Im Fokus stand auch Gerichtspräsident Daniel Aeschbach. Wie bereitete er sich auf den grössten Fall seiner bisherigen Karriere vor? Wie ging er mit dem grossen Druck der Öffentlichkeit um? Wie war es für ihn, der sonst nicht wortkarg ist, mitten im Medienrummel zu stehen und für einmal nichts sagen zu dürfen? Ist er froh, dass langsam wieder Normalität einkehrt? Fragen an Daniel Aeschbach gäbe es viele. Erstmals überhaupt äussert er sich nun auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende» zum Fall. Auch wenn er nur wenige Fragen beantworten kann.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
45 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Dank an die Medien

Der Grund: Das Urteil – gegen Thomas N. sprach das Gericht eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine ordentliche Verwahrung aus – ist noch nicht rechtskräftig. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn überlegen sich derzeit, ob sie es an das Aargauer Obergericht weiterziehen wollen.

Zu Punkten, die in irgendeiner Form im Zusammenhang mit der rechtlichen Beurteilung noch eine Rolle spielen könnten, kann sich Aeschbach deshalb nicht äussern. Es bestünde die Gefahr, dass man seine Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit anzweifeln könnte.

Thomas N. ist für den Vierfachmord von Rupperswil, begangen am 21. Dezember 2015, verantwortlich. Dieses Bild von ihm kursiert schon kurz nach seiner Festnahme im Mai 2016 in den Medien.
15 Bilder
Thomas N. - der Vierfachmörder von Rupperswil
Diese Bilder zeigen Thomas N. als Junioren-Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, vier Monate nach der Tat.
Thomas N. war Koordinator bei der Seetal Selection, bei denen Junioren des SC Seengen und des FC Sarmenstorf spielen.
Diese Bilder zeigen Thomas N. als Junioren-Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, vier Monate nach der Tat.
Schrecklich normale Bilder vom Fussballplatz: Hier hält der Vierfachmörder eine Linienrichterfahne in der Hand.
13. März 2013: Thomas N. am ersten Prozesstag – so sieht ihn AZ-Zeichner Marco Tancredi.
Immer wieder stützt Thomas N. am Prozess seinen Kopf auf der Hand auf.
Am ersten Prozesstag wird Thomas N. vom Gericht befragt. «Mein Sexualleben ist im Gefängnis nicht vorhanden», sagt er etwa.
Er habe um seine Pädophilie gewusst und entsprechende Pornografie konsumiert. Kinder zu begehren, ist falsch. Und ich habe mir erfolgreich eingeredet, diese Videos würden auch bestehen, wenn ich sie nicht anschauen würde.»
Er habe um seine Pädophilie gewusst und entsprechende Pornografie konsumiert. Kinder zu begehren, ist falsch. Und ich habe mir erfolgreich eingeredet, diese Videos würden auch bestehen, wenn ich sie nicht anschauen würde.»
Thomas N. wird vor den Medien abgeschirmt Nach dem ersten Prozesstag verlässt ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau die Tiefgarage der Mobilen Einsatzpolizei in Schafisheim, wo der Prozesstag stattfindet. Die Polizei fährt Thomas N. zurück ins Zentralgefängnis Lenzburg. Nach dem Prozess wird er zurück in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH gebracht.
Im Schlusswort am Mittwoch, dem zweiten Prozesstag, sagt er zu den Hinterbliebenen: «Es tut mir leid. Entschuldigung.»
Thomas N. und seine Verteidigerin am letzten Prozesstag, an dem das Urteil verkündet wird.
Urteilsverkündigung – Thomas N. erhebt sich. Das Urteil: Lebenslängliche Freiheitsstrafe, schuldig in allen Anklagepunkten, ordentliche Verwahrung und stationäre therapeutische und vollzugsbegleitende Massnahme.

Thomas N. ist für den Vierfachmord von Rupperswil, begangen am 21. Dezember 2015, verantwortlich. Dieses Bild von ihm kursiert schon kurz nach seiner Festnahme im Mai 2016 in den Medien.

ZVG

Aus rein organisatorischer Sicht ist für den Gerichtspräsidenten aber klar: «Wir können eine positive Bilanz ziehen.» Der Fokus und die Konzentration der Öffentlichkeit hätten spätestens ab Bekanntgabe der Anklageschrift, einen Tag vor Prozessbeginn, «vollumfänglich auf unserer Verhandlung gelegen».

Das sei in diesem Umfang für das Bezirksgericht Lenzburg erstmalig gewesen. Aeschbach erlebte die Berichte und Sendungen zum Prozess überwiegend positiv. Er sagt: «Der Dank und ein Lob gehen an dieser Stelle auch an die Medienvertreter für ihre zurückhaltende Berichterstattung.»

Eine zusätzliche Herausforderung habe für das Gericht darin bestanden, dass die Verhandlung «auswärts» in Schafisheim und damit in fremder Umgebung stattgefunden habe. «Doch die Abläufe haben auch ausser Haus tadellos funktioniert, sowohl in technischer und logistischer Hinsicht als auch bezüglich der getroffenen Sicherheitsmassnahmen», erklärt Aeschbach. Dies sei massgeblich der hochprofessionellen Teamarbeit der beteiligten Stellen und Personen zu verdanken.

Kritik an Senn: «Betroffen»

Ein Wermutstropfen bleibt für den Lenzburger Bezirksgerichtspräsidenten jedoch: Zu denken gibt ihm die harsche Kritik, der sich Pflichtverteidigerin Renate Senn nach ihrem Plädoyer ausgesetzt sah. Senn hatte mit ihrer Argumentation, die Opfer trügen am Verlauf der Tat eine Mitschuld, teilweise für Irritation gesorgt.

Aeschbach sagt es so: «Betroffen macht – neben der Tat und dem durch die Angehörigen auszuhaltenden Leid – das Aggressionspotenzial, das an der Verhandlung nicht anwesende Personen gegenüber der amtlichen Verteidigerin des Beschuldigten ausdrückten.» Dem Gericht sei durchaus bewusst, dass die Verteidigung in einem solchen Fall keine leichte Aufgabe darstelle. Doch diese sei Bestandteil eines rechtsstaatlichen Verfahrens.