Für das Bezirksgericht Lenzburg waren die letzten Tage und Wochen beispiellos. Die ganze Schweiz hatte Augen und Ohren auf die Verhandlung im Fall Rupperswil gerichtet.

65 Medienschaffende von 35 Zeitungen, Magazinen, Radio- und TV-Stationen waren akkreditiert. Ausländische Sender wie RTL oder Welt TV kamen für den Prozess zum Vierfachmord nach Schafisheim.

Im Fokus stand auch Gerichtspräsident Daniel Aeschbach. Wie bereitete er sich auf den grössten Fall seiner bisherigen Karriere vor? Wie ging er mit dem grossen Druck der Öffentlichkeit um? Wie war es für ihn, der sonst nicht wortkarg ist, mitten im Medienrummel zu stehen und für einmal nichts sagen zu dürfen? Ist er froh, dass langsam wieder Normalität einkehrt? Fragen an Daniel Aeschbach gäbe es viele. Erstmals überhaupt äussert er sich nun auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende» zum Fall. Auch wenn er nur wenige Fragen beantworten kann.

Dank an die Medien

Der Grund: Das Urteil – gegen Thomas N. sprach das Gericht eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine ordentliche Verwahrung aus – ist noch nicht rechtskräftig. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn überlegen sich derzeit, ob sie es an das Aargauer Obergericht weiterziehen wollen.

Zu Punkten, die in irgendeiner Form im Zusammenhang mit der rechtlichen Beurteilung noch eine Rolle spielen könnten, kann sich Aeschbach deshalb nicht äussern. Es bestünde die Gefahr, dass man seine Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit anzweifeln könnte.

Aus rein organisatorischer Sicht ist für den Gerichtspräsidenten aber klar: «Wir können eine positive Bilanz ziehen.» Der Fokus und die Konzentration der Öffentlichkeit hätten spätestens ab Bekanntgabe der Anklageschrift, einen Tag vor Prozessbeginn, «vollumfänglich auf unserer Verhandlung gelegen».

Das sei in diesem Umfang für das Bezirksgericht Lenzburg erstmalig gewesen. Aeschbach erlebte die Berichte und Sendungen zum Prozess überwiegend positiv. Er sagt: «Der Dank und ein Lob gehen an dieser Stelle auch an die Medienvertreter für ihre zurückhaltende Berichterstattung.»

Eine zusätzliche Herausforderung habe für das Gericht darin bestanden, dass die Verhandlung «auswärts» in Schafisheim und damit in fremder Umgebung stattgefunden habe. «Doch die Abläufe haben auch ausser Haus tadellos funktioniert, sowohl in technischer und logistischer Hinsicht als auch bezüglich der getroffenen Sicherheitsmassnahmen», erklärt Aeschbach. Dies sei massgeblich der hochprofessionellen Teamarbeit der beteiligten Stellen und Personen zu verdanken.

"Der Fall Rupperswil war der aufwühlendste meiner Karriere!“

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Mit der Urteilsverkündung hat der Prozess um den Vierfachmörder von Rupperswil ein Ende genommen. Für die Opferfamilien geht der Verarbeitungsprozess ein Leben lang weiter.

Kritik an Senn: «Betroffen»

Ein Wermutstropfen bleibt für den Lenzburger Bezirksgerichtspräsidenten jedoch: Zu denken gibt ihm die harsche Kritik, der sich Pflichtverteidigerin Renate Senn nach ihrem Plädoyer ausgesetzt sah. Senn hatte mit ihrer Argumentation, die Opfer trügen am Verlauf der Tat eine Mitschuld, teilweise für Irritation gesorgt.

Aeschbach sagt es so: «Betroffen macht – neben der Tat und dem durch die Angehörigen auszuhaltenden Leid – das Aggressionspotenzial, das an der Verhandlung nicht anwesende Personen gegenüber der amtlichen Verteidigerin des Beschuldigten ausdrückten.» Dem Gericht sei durchaus bewusst, dass die Verteidigung in einem solchen Fall keine leichte Aufgabe darstelle. Doch diese sei Bestandteil eines rechtsstaatlichen Verfahrens.

Nach Urteil Rupperswil: Sollen Psychiater in Zukunft weniger Einfluss haben?

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