Bezirksgericht Aarau
Nach Pöbelei mit Asylbewerbern von Auto angefahren – Gericht lässt Milde walten

Ein heute 23-jähriger Fricktaler musste für seinen nächtlichen Unfug teuer bezahlen. Das Bezirksgericht in Aarau hatte jedoch Erbarmen mit dem gesundheitlich Angeschlagenen.

Nadja Rohner
Merken
Drucken
Teilen
Wegen reichlich Unfug in einer Sommernacht stand ein junger Fricktaler vor dem Aarauer Bezirksgericht.

Wegen reichlich Unfug in einer Sommernacht stand ein junger Fricktaler vor dem Aarauer Bezirksgericht.

Aargauer Zeitung

Kevin (Name geändert) hatte es schon vor diesem Unfall nicht leicht. Der heute 23-jährige Fricktaler hat bereits mehrere Ausbildungen abgebrochen. Dies, weil er an schwerem ADHS leidet und mit belastenden Situationen nicht umgehen kann.

Und dann lief er auch noch in Aarau vor ein Auto, in einer warmen Freitagnacht im August 2015. Der Wagen erwischte ihn mit dem vorderen rechten Kotflügel. Kevin erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, konnte nicht mehr gehen, nicht mehr schlucken, nichts.

Immerhin: Zu seiner Verhandlung vor dem Bezirksgericht Aarau erschien der junge Mann auf eigenen Beinen. Geladen war er als Beschuldigter. Er habe beim Überqueren der Strasse die Vortrittsverhältnisse nicht beachtet, steht im angefochtenen Strafbefehl. Die Busse von 100 Franken plus Gebühren – insgesamt 3200 Franken – wollte Kevin nicht bezahlen.

Nur noch schnell weg

In jener schicksalhaften Nacht war Kevin mit vier Freunden in Aarau unterwegs. Es war kurz nach 1 Uhr, die Stimmung prächtig. Das Grüppchen hielt sich unweit der Rohrerstrasse in einer Seitengasse auf; gleich dort, wo sich die Asylunterkunft befindet.

Und gegen deren Bewohner hatten die jungen Fricktaler offenbar etwas – jedenfalls pöbelten sie die Asylsuchenden mit blöden Sprüchen an. Als Letztere auf Kevin und seine Kollegen zugingen, rannte die Gruppe von der Zwischengasse in Richtung Rohrerstrasse. «Wir hatten Angst und wollten so schnell wie möglich weg», sagte einer der Kollegen, der als Zeuge vor Gericht aussagte.

Die Asylbewerber, etwa zehn Personen, hätten Metallstangen in der Hand gehabt – bei der polizeilichen Einvernahme wars indes noch ein Messer gewesen.

Bei der Einmündung in die Rohrerstrasse bogen Kevins Kollegen scharf links Richtung Kreuzplatz ab. Da wäre eigentlich ein Trottoir. Kevin war aber so im Schuss, dass er die Kurve nicht erwischte und auf die Fahrbahn geriet. Der 20-jährige Fahrer eines Seat konnte nicht mehr ausweichen.

Kevins Verteidigerin tat ihr Bestes, um ihren Mandanten als unschuldig oder zumindest vermindert schuldfähig darzustellen. Sein ADHS führe zu «rein impulsgesteuertem Verhalten», als er auf der Flucht war, da «hat es mit ihm gehandelt». Gerichtspräsidentin Bettina Keller wollte davon aber nichts wissen: «Das Gericht hat keine Zweifel an der Schuldfähigkeit des Beschuldigten», sagte sie.

Aber: Kevin, der zusätzlich zu seiner Krankheit auch sein Leben lang unter den Folgen des Unfalles leiden wird, sei schon genug bestraft. Er wird deshalb schuldig gesprochen, muss aber keine Busse zahlen.