Nach dem Sturz des 16 Monate alten Eritreer-Mädchens von Montag geht Martina Bircher (33) mit dem Regierungsrat hart ins Gericht. «Ich glaube, ein heikles Thema soll unter den Teppich gekehrt werden», sagt die Gemeinde- und Grossrätin.

Für die SVP-Politikerin steht fest: Zwischen den Flüchtlingsströmen in die Schweiz und der Zunahme an Fällen für die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) besteht ein Zusammenhang. In Aarburg hat die Sozialvorsteherin dies schwarz auf weiss festgestellt: «Von den derzeit in Aarburg lebenden Menschen aus Eritrea sind 15 Prozent verbeiständet.» So tragisch der aktuelle Fall sei: Er zeige, dass sie mit ihrer Kritik richtig liege.

Kleinkind stürzt aus 2. Stock – was droht den Eltern?

Am Montag ist in Aarburg ein 16 Monate altes eritreisches Mädchen aus einem Fenster 6 Meter in die Tiefe gefallen. Die Nachbarn zeigen sich schockiert

Grosse kulturelle Unterschiede

Im Mai hatte Bircher eine Interpellation eingereicht, die klären sollte, ob die Anzahl Beistandschaften parallel zur Zahl von Flüchtlingen nach oben gestiegen ist. Mit einem früheren Vorstoss konnte Bircher aufdecken, dass sich die Zahl der Sozialhilfebezüger aus Eritrea im Aargau von 2010 auf 2015 verdreifacht hat. Dieses Mal hatte sie weniger Erfolg. Keine der statistischen Zahlen, die Bircher so gerne gesehen hätte, konnte der Regierungsrat liefern. Erhebungen dazu würden im Aargau nicht geführt, heisst es in der Begründung. Grund dafür sei, dass die Nationalität bei der Frage des Schutzbedarfs kein Kriterium sei. Martina Bircher macht das umso misstrauischer. Denn trotz fehlender Daten kommt der Regierungsrat dann doch zum Schluss, «dass Auffälligkeiten bezüglich Erwachsenenschutzmassnahmen im Zusammenhang mit Personen aus dem Asylbereich nicht bekannt sind».

Was Martina Bircher denkt: Mehr Flüchtlinge aus sehr fremden Kulturen bedeuten mehr Fälle für das Familiengericht. «Für mich liegt das an den kulturellen Unterschieden: Wir haben in der Schweiz andere Standards an die elterliche Fürsorgepflicht als in den fernen Ländern.» Wenn die Politik dieses Problem verschweige, seien auch keine vorsorglichen Massnahmen möglich. Und da sich dieses «Problem» mit Familiennachzügen und Geburten weiter verschärfen werde, «wird es uns alle in ein paar Jahren teuer zu stehen kommen, wenn wir daraus ein Tabu machen». Beweisen kann Bircher nichts. Indiz aber könnte sein, dass gemäss der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes) die Schutzmassnahmen schweizweit von 2015 auf 2016 um 4,5 Prozent zugenommen haben. Im Kinderschutz wurden rund 77 Prozent der Beistandschaften wegen Besuchsregelungen oder mangelnder Erziehungsfähigkeit der Eltern errichtet.

Beistand oder Fremdplatzierung

Bircher erwähnt ausserdem den «Fall Hagenbuch». Dieser sorgte vor drei Jahren für Schlagzeilen, weil eine Flüchtlingsfamilie aus Eritrea die Gemeinde finanziell überforderte, da mehrere Kinder in einem Heim platziert wurden. Das führt zurück zum aktuellen Fall des Mädchens in Aarburg: Gemäss Recherchen dieser Zeitung wird sich nun die KESB einschalten. Im Raum steht die Frage der vernachlässigten Fürsorgepflicht. Im schlimmsten Fall droht den beiden Kindern der Familie die Fremdplatzierung. Darauf angesprochen gibt Sozialvorsteherin Martina Bircher zur Auskunft, dass dies den Steuerzahler monatlich 14 000 Franken kosten würde.

„Ich hatte Angst, sie könnte sterben!“

Im Kinderspital erholt sich das 16 Monate junge Eritreer-Mädchen Arsema von ihrem Horrorsturz aus dem 2. Stock. Die Mutter ist sichtlich erleichtert.