Bezirksgericht Aarau

Nach Eisenstangen-Attacke: Eritreer muss über sechs Jahre ins Gefängnis

Gartenweg in Buchs

Der verurteile Eritreer lebte in der Asylunterkunft Torfeld in Buchs.

Gartenweg in Buchs

Ein 28-jähriger Flüchtling aus Eritrea, der einem Landsmann eine Eisenstange über den Kopf schlug und ihn schwer verletzte, muss sechseinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Bezirksgericht Aarau sprach ihn der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig.

Abraham (alle Namen geändert) kam an Krücken in den Gerichtssaal. Dass der 26-jährige Eritreer noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder: Vor knapp anderthalb Jahren, am 15. Juli 2015, wurde Abraham mit einem offenen Schädel-Hirn-Trauma ins Kantonsspital Aarau eingeliefert. Nur eine Notoperation rettete ihn, allerdings ist er halbseitig gelähmt und wird sein Leben lang am Stock gehen müssen.

Begonnen hatte alles relativ harmlos – oder besser gesagt: mit einer Situation, die zwar unerfreulich, aber inzwischen fast alltäglich ist. Ein paar junge Eritreer trafen sich am Abend beim Bahnhof Aarau, tranken beträchtliche Mengen Bier, zwischen zweien kam es dabei zu einem Streit. Die beiden jugendlichen Flüchtlinge hätten sich geschubst, gegenseitig an den T-Shirts gerissen und geschlagen, heisst es unter dem Titel «Vorgeschichte» in der Anklageschrift.

Jonathan (28) versuchte, die Streithähne zu trennen, wurde aber selber auch handgreiflich. Erst einem vierten Eritreer gelang es, den Konflikt zu schlichten. Schliesslich schienen sich die Flüchtlinge einigermassen versöhnt zu haben, die Gruppe machte sich gemeinsam auf den Rückweg zu ihrer Unterkunft in Buchs.

Vorwürfe gegen den «Ältesten»

Unterwegs rief einer der Jugendlichen dann Abraham an und berichtete ihm vom Streit. Dieser machte sich mit zwei Kollegen auf den Weg nach Aarau. Etwas später traf er auf die Gruppe mit Jonathan und den Jugendlichen, die sich erneut stritten. Zu den folgenden Ereignissen gibt es zwei Versionen. Laut der Staatsanwaltschaft, die sich auf Befragungen der Beteiligten stützt, fragte Abraham Jonathan, warum er als «Ältester» der Gruppe den Streit zwischen den Jugendlichen zugelassen habe. Es wäre seine Aufgabe gewesen, diesen zu verhindern oder zu schlichten. Jonathan sagte vor Gericht, er sei von Abraham und dessen zwei Kollegen nicht nur kritisiert, sondern «an einen dunklen Ort unter einen Baum gezogen» und geschlagen worden.

Unbestritten ist, was danach passierte: Jonathan entfernte sich von der Gruppe, entfernte bei einer nahegelegenen Baustellen die rot-weissen Holzabschrankungen und zog eine Eisenstange aus dem Boden. Diese – laut Anklageschrift 1,39 Meter lang und 4 Kilogramm schwer – versteckte Jonathan hinter seinem Rücken, schlich sich von hinten an die Gruppe mit Abraham an und schlug sie dem überraschten und wehrlosen Eritreer mit voller Wucht über den Kopf.

Als ihm Bezirksgerichtspräsident Reto Leiser die Tatwaffe zeigte, bestätigte Jonathan, er habe die Stange mit beiden Händen gehalten und damit zugeschlagen. Der Angeklagte sagte aber auch, er habe Abraham nicht töten wollen und damals auch nicht weiter überlegt, dass ein solcher Schlag tödliche Folgen haben könnte.

Sechseinhalb oder drei Jahre?

Staatsanwältin Karin Scheidegger entgegnete, es sei Zufall, dass Abraham überlebt habe. Jonathan habe dessen Tod in Kauf genommen und den Angriff mit der Eisenstange trotz fast zwei Promille Alkohol im Blut bewusst geplant und brutal ausgeführt. «Es handelt sich um einen erschreckend krassen Fall von grundloser und willkürlicher Gewaltanwendung», sagte sie und beantragte sechseinhalb Jahre Haft wegen versuchter vorsätzlicher Tötung.

Der Verteidiger von Jonathan anerkannte den Tatbestand, verlangte aber eine niedrigere Strafe. Jonathan sei betrunken gewesen, von drei anderen Eritreern geschlagen worden und habe sich in einem ausführlichen Brief bei Abraham entschuldigt, dies sei strafmildernd zu berücksichtigen. Mehr als drei Jahre Haft – ein Teil davon bedingt – seien deshalb nicht angemessen.

Nach kurzer Beratung folgte das Gericht der Staatsanwältin und verurteilte Jonathan zu sechseinhalb Jahren Haft. «Ob er beleidigt, in seiner Ehre angegriffen, provoziert oder geschlagen wurde, spielt keine Rolle – die Tat ist verwerflich und skrupellos, er hat den Tod des Opfers zumindest in Kauf genommen», begründete Reto Leiser. Es hätte andere Möglichkeiten gegeben, sich Respekt zu verschaffen.

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