Kaum jemand kennt Zofingen so gut wie Stadtführer Urs Siegrist, der gleichzeitig Kurator des örtlichen Museums ist. 1951 erlebte er als kleiner Bub zum ersten Mal das Kinderfest – und ist seither aufs Engste damit verbunden. Er kennt auch die historischen Hintergründe des Kinderfestes und des «Gfächts». Nach dem Unfall auf dem Heitern war Siegrist Gast im ZT-Talk und sprach unter anderem über ...

... sein erstes Kinderfest.

«Meine erste Erinnerung ist mein erstes Kinderfest 1951. Das hat heute den Namen ‹Wasserfest›, weil der Heitere unter Wasser war», erinnert sich Siegrist. «Es stürmte, regnete, hagelte.» Lastwagen aus dem Industriegebiet seien auf den Heitern gefahren und hätten alle Kinder eingesammelt. «Man landete dann irgendwo unten in der Stadt, die Eltern fanden wir nicht mehr und es war ein Chaos. Aber das blieb mir.» Später, als Bezirksschüler, habe er das Kinderfest mit dem ersten Schulschatz verbracht. «Das war natürlich schön auf dem Heitere, man konnte tanzen.»

... über die Frage, wie er Nicht-Zofingern erklärt, warum auf dem Heitern jedes Jahr am «Gfächt» geschossen wird.

«Da muss man sehr weit zurück.» Ihre Wurzeln haben die Kadetten in Frankreich, «darum heisst es auch Kadetten, les Cadets.» Es sei darum gegangen, jungen Männern aktive Staatskunde zu geben um sie besser in den Staat zu integrieren. In der Schweiz habe Heinrich Pestalozzi das Thema kurz nach 1800 aufgenommen. «Er hatte ein Institut in Yverdon mit 250 Zöglingen; aus ihnen machte er Kadetten in Uniform.» Zusammenarbeiten und gemeinsam Verantwortung übernehmen – das seien die Ziele gewesen, die Pestalozzi habe erreichen wollen. «Die Zofinger haben ihre erste Kadettenuniform in Yverdon von Pestalozzi abgekauft. Weisse Hosen, einen schwarzen Kittel und einen seltsamen Hut dazu. Wir haben die noch im Museum Zofingen.» – «Die Zofinger haben dann 1825 das Kadettenkorps gegründet und im gleichen Jahr gab es das erste Kinderfest in der Form, wie es heute ist.» Mit den Kadetten habe man anfänglich Manöver gemacht. «Das war noch kein Gefecht.» In der heutigen Form entstand dieses laut Siegrist nach dem Sonderbundskrieg 1847, dem Freischarenzüge vorausgegangen waren. «Der Sammelort der Freischaren war einerseits Huttwil und andererseits Zofingen. Es ist anzunehmen, dass aus dem Sammelort der Feischaren diejenigen Feischaren entstanden, die jetzt im Gefecht auftreten. Das hat dann über Jahrzehnte funktioniert, bis im 20 Jahrhundert ein paar Dinge modernisiert wurden.»

... über die Veränderungen der Kinderfest- und «Gfächt»-Tradition in den letzten Jahrzehnten.

«Nach dem Ersten Weltkrieg sind die ersten Pazifisten gekommen, die gesagt haben, ‹jetzt ist der Weltfrieden ausgebrochen, jetzt können wir aufhören mit diesen Kriegsspielchen›.» Die Stimmung habe sich aber schnell wieder verändert, «und das Kadettenwesen hat noch viel die grössere Bedeutung bekommen vor dem Zweiten Weltkrieg». Man habe die Kadetten wieder richtig geschult. «Man sagte, ‹wir müssen die Jungen bereit haben, unsere Schweiz ist nicht gross, da muss jeder in den Einsatz können›.» Man müsse den Zofingern zugutehalten, dass sie während des Zweiten Weltkriegs kein Gefecht inszeniert hätten. «Da haben sie gesagt, ‹wir haben Krieg in Europa, wir müssen nicht auch noch Krieg haben, wir machen eine kleine Turnshow, einen Reigen dazu und ein paar Spiele›.»

... über den uralten Streit darüber, ob das «Gfächt» eine schöne Tradition oder ein unsinniges Kriegsspiel ist.

Der Streit sei sehr alt. «Es ist auch witzig, das ein wenig weiter zu verfolgen. Dann kamen die berühmten 68er, als ich im Studium war. Wir haben auch ein wenig rebelliert.» Brugg, wo Siegrist studierte, sei die erste Hochschule gewesen, die eine studentische Mitbestimmung eingeführt habe. Aber: «Hier in Zofingen, beim Gefecht, da gab es gar keine Gegner, gar nichts! Denn das waren jetzt diese Jahrgänge, die mit dem Kadettenkorps aufgewachsen waren; und das war ihnen nahe. Es brauchte noch weitere 20 Jahre, also noch eine Generation, die dann wieder angefangen hat, das Gefecht anzuzweifeln.»

... über den Unfall vor rund zwei Wochen.

«Mich hat das natürlich sehr betroffen gemacht und ich habe genau gewusst, dass diese Diskussion jetzt wieder losgeht, das ist ganz begreiflich. Aber ich habe hier die Haltung: Wenn auf einer Baustelle ein Unfall passiert, dann baut man trotzdem weiter.» Der Unfall werde jetzt untersucht. Ein Grund, mit dem Gefecht aufzuhören, sieht Siegrist nicht: «Wir haben so viele Junge, die freiwillig mitmachen. Soll man ihnen das wegnehmen? Ich glaube, nein. Man muss es vielleicht dem Publikum noch mehr näherbringen». Er hat das Gefecht vor zwei Jahren kommentiert; er selbst wolle das nicht mehr machen, weil er das Fest mit seinen alten Schulkameraden geniessen wolle. Aber: «Für mich ist das Gefecht eine Herzensangelegenheit, ich muss es ehrlich sagen. Es hat einen geschichtlichen Hintergrund und es ist ein wenig Belustigung. Ich sage, es ist ein choreografiertes Landschaftstheater.»

... über die Konsequenzen, die aus dem Unfall zu ziehen sind.

Erst müsse man die Untersuchung abwarten, dann mögliche Konsequenzen ziehen. «Ich kann mir nicht genau vorstellen, was passiert ist.» – «Ich weiss, dass Geri Müller, unser Stadtkanonier, die Kanoniere vollständig instruiert und ihnen auch ein Merkblatt mitgibt.» An der Kanone könne es nicht liegen, die sei 150 Jahre alt und habe noch nie einen Unfall verursacht. «Wahrscheinlich geht es in Richtung Bedienungsprobleme. Wie auch immer: Das sollen jetzt diese Forensiker herausfinden.» Möglicherweise müsse beim Zündsystem der Kanone etwas geändert werden. «Aber das müssen Menschen machen, die von Artillerie etwas verstehen.»