Kanton Aargau
Nach Druck der Grossverteiler: Vierter Adventssonntag wird wieder zum grossen Einkaufstag

Der Aargauer Regierungsrat hat die bewilligungsfreien Sonntagsverkäufe 2018 neu auf den dritten und vierten Adventssonntag festgelegt und auch die Grundsatzregelung geändert.

Nora Güdemann
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Sonntagsverkauf in Aarau: An den Adventssonntagen sind viele noch auf der Suche nach einem passenden Geschenk. (Archiv)

Sonntagsverkauf in Aarau: An den Adventssonntagen sind viele noch auf der Suche nach einem passenden Geschenk. (Archiv)

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Am zweiten und dritten Adventssonntag (9. und 16. Dezember 2018) dürfen die Geschäfte bewilligungsfrei geöffnet haben. Das beschloss der Regierungsrat Mitte Januar. Doch diese Daten sind bereits nicht mehr aktuell. Laut einer Medienmitteilung sind nun neu der dritte und vierte Adventssonntag (16. und 23. Dezember 2018) verkaufsoffene Sonntage. Mit diesem Beschluss ändert der Regierungsrat auch die Grundsatzregelung aus dem Jahr 2012. Neu besagt diese: «Wenn der vierte Advent auf den 18., 19., 20., 21., 22. oder 23. Dezember fällt, finden die Sonntagsverkäufe am dritten und vierten Advent statt. Wenn der vierte Advent auf den 24. Dezember fällt, am zweiten und dritten Advent.»

Aargauer Geschäfte im Nachteil

Warum die Änderung? «Nach dem ersten Entscheid im Januar wandten sich mehrere Grossverteiler und Gewerbetreibende an den Regierungsrat und beantragten, die bewilligungsfreien Sonntagsverkäufe auf den dritten und vierten Adventssonntag zu legen», teilt die Regierung mit. Weiterer Auslöser war eine Motion von SVP-Grossrat Clemens Hochreuter, die er im März im Grossen Rat einreichte. Darin forderte er einen Sonntagsverkauf am 23. Dezember, da dieser Tag einer der umsatzstärksten sei und auch andere Kantone dann einen Sonntagsverkauf hätten.

Er befürchtete, dass die Bevölkerung zum Einkaufen in die umliegenden Kantone oder nach Deutschland ausweichen würden – was die Aargauer Geschäfte benachteilige. Daraufhin gab der Regierungsrat eine Umfrage bei Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden sowie bei Gemeinden in Auftrag. Dabei habe sich die Mehrheit der Befragten für den dritten und vierten Adventssonntag ausgesprochen – die Regierung änderte daraufhin ihren Entscheid.

Gleichstand mit anderen Kantonen

Motionär Clemens Hochreuter ist zufrieden: «Das ist ein erfreulicher Entscheid für Gewerbe, Konsumenten und Mitarbeiter. Wir haben Gleichstand mit anderen Kantonen und dem Ausland erreicht.» Denn das Gewerbe müsse sich anpassen können, um konkurrenzfähig zu bleiben. Auch Peter Fröhlich, Geschäftsführer des Aargauischen Gewerbeverbandes, freut sich: «Der Regierungsrat hat erkannt, dass wir mit unseren Anliegen nicht unrecht hatten.»

Gar nicht glücklich über die Änderung sind die Aargauer Gewerkschaften. SP-Grossrat Florian Vock ist Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbunds. Er sagt auf Anfrage: «Ich bin wütend. Für mich ist der Entscheid des Regierungsrats ein Frontalangriff auf die Angestellten.» Die Bevölkerung würde es verkraften, am 23. Dezember eine Shopping-Pause einzulegen. Ähnlich äussert sich Grünen-Nationalrätin Irène Kälin. Sie steht der Dachorganisation der Gewerkschaften «Arbeit Aargau» vor. «Der Regierungsrat ist vor dem Gewerbe eingeknickt und vergisst einmal mehr die Arbeitnehmenden.»

Sie sagt: «Aufeinanderfolgende Sonntagsverkäufe in der Weihnachtszeit bedeuten oft, dass die Angestellten bis Ladenschluss am 24. Dezember zwei Wochen durcharbeiten.» Ausserdem werde im Detailhandel auch an Personal gespart. «Es wird schwierig, Sonntagsverkäufe zu kompensieren und die Angestellten angemessen zu entlasten.» Sich als Arbeitnehmer dagegen zu wehren, sei kaum möglich, da man schliesslich vom Job abhängig sei. Auch ist Kälin der Meinung, dass die verkaufsoffenen Adventssonntage nichts gegen sinkende Zahlen im Detailhandel ausrichten können: «Beim Einkaufstourismus und dem Online-Verkauf liegt das eigentliche Problem.»

Der Entscheid der Regierung kam für Kälin aber nicht ganz überraschend: «Bei der Befragung des Regierungsrats haben grösstenteils Gemeinde- und Gewerbevertreter teilgenommen, die die gleiche Meinung teilen.» Auch Florian Vock sagt: «Es wurden nur die Interessen der Grossverteiler und Modeketten berücksichtigt.»

Gewerkschaften wollen kämpfen

Im Aargauischen Gewerbeverband habe man von den Mitgliedern keine Beschwerden vernommen, sagt Geschäftsführer Fröhlich. «Die Mitarbeitenden können die Anpassung wegen der wachsenden Konkurrenz nachvollziehen.» Auch deshalb, weil keine zusätzlichen Sonntagsverkäufe genehmigt, sondern nur die Daten verschoben worden seien. «Und es gibt genügend Gesetze, die die Arbeitnehmer schützen.» Motionär Clemens Hochreuter setzt auf das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmer, die sicher «motiviert sind, gute Lösungen mit den Mitarbeitern zu erarbeiten». Kritik nehme er zu Kenntnis, sagt aber: «Die Gewerkschaften sind noch nicht im heutigen Zeitalter angekommen.»

«Arbeit Aargau» wie auch der Aargauische Gewerkschaftsbund kündeten an «weitere Lockerungen für Sonntagsverkäufe zulasten der Arbeitnehmenden vehement zu bekämpfen». Florian Vock will ausserdem abklären, wie man im Grossen Rat eine Regelung im Interesse der Angestellten erreichen könne.

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