Häusliche Gewalt
Nach dem Knatsch: Wie gehts weiter mit dem Frauenhaus?

Politikerinnen sorgen sich nach dem Streit um die Arbeitsbedingungen im Frauenhaus um dessen Image.

Manuel Bühlmann
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Eindrücke aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn
59 Bilder
Heute sagt sie: «Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr ich dem Frauenhaus dankbar bin.»
Dunya im Garten.
Wo das Frauenhaus Aargau Solothurn steht, ist geheim.
Kein rachsüchtiger Mann soll seine Frau oder Ex-Frau hier finden.
Wer ins Frauenhaus aufgenommen werden will, ruft die Nummer 062 823 86 00 an. Dann steht zuerst eine telefonische Beratung an.
Nur das Personal darf ins Büro.
Im Frauenhaus haben die Frauen Zeit, gesund kochen zu lernen.
Die Küche ist hell und modern.
Eine Klientin (Bewohnerin) bereitet das Mittagessen vor.
Zu Hause sind viele Frauen zu stark unter Druck, um richtig zu kochen.
Die Betreuerinnen planen die Mahlzeiten. Die Klientinnen kaufen ein und kochen.
Die Einkaufsliste.
Im Spielzimmer kümmern sich Betreuerinnen um die Kinder.
Blick in das Spielzimmer.
Züsi Born leitet das Frauenhaus.
Zeichnung mit Fensterfarbe.
Kinderwagen, Trottinett, Schneeschaufel: Das Frauenhaus ist gut ausgerüstet.
Viele Frauen sind nach dem Austritt unendlich dankbar und schicken Dankeskarten an das Frauenhaus.
Viele Kinder schenken den Betreuerinnen zum Abschied Zeichnungen.
Ihr eigenes Handy müssen die Frauen beim Eintritt abgeben. Zu gross ist die Gefahr, geortet zu werden.
Als Ersatz erhalten die Frauen ein einfaches Handy mit neuer Nummer, aber ohne Internetzugang.
Das eigene Smartphone darf nicht benutzt werden.
An diesem Computer dürfen die Frauen nach Jobs und Wohnungen suchen oder Mails abrufen.
Soziale Medien sind hingegen tabu.
Viele Kinderkunstwerke zieren das Frauenhaus.
Im Garten steht ein Töggelikasten.
Gewisse Frauen dürfen nur in den Garten, nicht aber auf die Strasse. Sie könnten auf ihren Peiniger treffen.
Die Kinder dürfen sich im Spielzimmer Spielsachen ausleihen. Mit Lego und Duplo verarbeiten sie teilweise ihre Traumata.
Bücher und Spiele helfen ebenso bei der Verarbeitung verstörender Erlebnisse. Diese Bilderbücher thematisieren häusliche Gewalt.
Blick in ein Badezimmer.
Der Eingangsbereich.
Hier geht es zum Spielzimmer.
Für ältere Kinder gibt es den Jugendraum.
Auch eine kleine Bibliothek steht zur Verfügung.
«Meine Probleme weiss ich und meine Beraterin. Sonst niemand», sagt Hana (Name geändert), eine ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses.
Damit der Garten von aussen nicht zu sehen ist, ist das Gelände umzäunt.
Gartenstühle zum Verweilen.
Eine Klientin telefoniert im Garten.
Das Telefon ist ein wichtiger Anker für die Frauen – ihr Bezug zur Aussenwelt.
Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, finden im Frauenhaus Unterschlupf.
Aufklärungsbmaterial zu Themen wie Sexualität liegt in mehreren Sprachen vor.
Eine Klientin richtet ihr Bett.
Auch der Aufenthaltsraum und Esssaal ist bunt eingerichtet.
Eine Klientin im Aufenthaltsraum und Esssaal.
Blick in ein Zimmer.
Jede Klientin erhält ihr eigenes Zimmer.
Weitere Impressionen aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn.

Eindrücke aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn

Sandra Ardizzone

Überarbeitetes Personal, Aufnahmestopp, zu häufige und zu schlecht entschädigte Nachtdienste: Nach der Kritik von einigen aktuellen und ehemaligen Mitarbeiterinnen sowie der Gewerkschaft VPOD untersucht nun das kantonale Arbeitsinspektorat die Arbeitsbedingungen im Frauenhaus. Werden bei Kontrollen Mängel beim Arbeitnehmerschutz aufgedeckt, wird der Arbeitgeber aufgefordert, diese zu beheben. Wird dieser Forderung nicht nachgekommen oder wissentlich gegen gesetzliche Vorgaben verstossen, reicht das Arbeitsinspektorat Anzeige ein. Bussen oder Strafen kann das Kontrollorgan jedoch nicht aussprechen.

In Bezug auf den aktuellen Fall gibt sich das zuständige Volkswirtschaftsdepartement bedeckt: «Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, können wir aus Datenschutzgründen keine Auskunft zur Situation im Frauenhaus Aargau-Solothurn geben», teilt Sprecher Samuel Helbling auf Anfrage mit. Die Frage, wann mit Ergebnissen zu rechnen sei, lässt er ebenfalls offen.

«Ein Alarmzeichen»

SP-Grossrätin Elisabeth Burgener beobachtet den Knatsch mit Sorge: «Wichtig ist, dass die Aufgabe des Frauenhauses durch die internen Probleme nicht infrage gestellt wird.» Nun sei es am Stiftungsrat und am Kanton, die Qualität zu überprüfen und allfällige Mängel zu beheben. Denn die Arbeit des Frauenhauses werde auch in Zukunft dringend gebraucht.

«Häusliche Gewalt nimmt nicht ab.» Auch Parteikollegin und Nationalrätin Yvonne Feri befürchtet negative Begleiterscheinungen: «Für die Reputation ist dieser öffentlich ausgetragene interne Konflikt nicht ideal.» Besorgt zeigt sie sich insbesondere über den verhängten Aufnahmestopp. Ein Alarmzeichen sei dies, sagt Feri. «Nun muss genau hingeschaut werden.»

Die Verantwortlichen der Stiftung räumen ein, dass die letzte Zeit für die Mitarbeiterinnen schwierig gewesen sei. Den Grund dafür sehen sie in der Reorganisation, die aufgrund der «existenziell bedrohlichen Situation» nötig geworden sei. Das Loch in der Kasse des Frauenhauses Aargau-Solothurn ist gross: 260 000 Franken fehlten letztes Jahr – trotz Spenden in der Höhe von 153 000 Franken.

Die Stiftung will nun pro Jahr 100 000 Franken sparen. Das Defizit erklärt die Leitung der Stiftung mit der schlechten Belegung der zwölf Plätze im zweiten Halbjahr 2016. Denn das Frauenhaus finanziert sich zu fast 90 Prozent mit Tagespauschalen. Das heisst: Suchen weniger Opfer Schutz im Frauenhaus, gibt es weniger Geld. Die Löhne der Mitarbeiterinnen müssen ungeachtet der stark schwankenden Belegung bezahlt werden.

Wie stark die Unterschiede von Jahr zu Jahr sein können, zeigen die Zahlen des Kantons. Die Beiträge, die nach Opferhilfe- sowie dem Betreuungsgesetz ausbezahlt werden, beliefen sich 2016 auf rund 651 000 Franken, im Vorjahr waren es noch 928 000 Franken – eine Abnahme um fast einen Drittel. Wie hoch die ausbezahlten Pauschalen für die Unterbringung von Gewaltopfern ist, wird zwischen Stiftung und Kanton in der Leistungsvereinbarung regelmässig neu ausgehandelt.

Geschäftsführerin Züsi Born sagt, seit einiger Zeit liefen Verhandlungen mit dem Kanton über die Finanzierung des Frauenhauses. Dazu kommen die Beiträge von anderen Kantonen, denn Opfer häuslicher Gewalt aus der ganzen Schweiz werden zuweilen im Frauenhaus Aargau-Solothurn untergebracht – diese Einnahmen schwanken ebenfalls von Jahr zu Jahr, wenn auch weniger stark.

«Müssen wir uns leisten können»

Frauenhäuser in anderen Kantonen erhalten sogenannte Sockelbeiträge – unabhängig von der Belegung. Ein Modell, wie es Yvonne Feri auch für den Aargau begrüssen würde. Die SP-Nationalrätin und ehemalige Frauenhaus-Stiftungsratspräsidentin sagt: «Beim Modell Tagespauschalen gibt es grössere finanzielle Probleme, sobald das Haus nicht voll ist.» Das sieht EVP-Grossrätin Lilian Studer ähnlich.

Sockelbeiträge hält sie für prüfenswert. Ohne diese rutsche eine Institution schnell in ein Defizit rein, ausserdem ermögliche sie eine gewisse Planungssicherheit. «Frauen- und Männerhäuser müssen wir uns als Staat leisten können, ohne dass diese auf Spenden angewiesen sind.» Zu einem anderen Schluss kommt FDP-Grossrätin Jeanine Glarner: «Auch eine Stiftung muss nach wirtschaftlichen Kriterien geführt werden. Dazu gehört es, Schwankungen einzuberechnen.» Es gehe nicht an, deswegen einfach mehr Geld zu fordern.

Einig sind sich alle angefragten Politikerinnen in einem Punkt: Frauenhäuser werden dringend nötig.

Lesen Sie auch die Reportage aus dem Frauenhaus.