Skandalarzt
Nach dem Fall Malm: Bis zu 10'000 Patienten-Akten sind blockiert

Nach der Schliessung von Ingo Malms Ärztezentrum Mutschellen sind Daten von bis zu 10'000 Patienten nicht zugänglich. Einer von Malms Ärzten und der Kanton schieben sich nun gegenseitig die Schuld zu. Fest steht: Greift der Kanton ein, müssen die Ärzte zahlen.

Fabian Hägler
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Um die Aufbewahrung von Patientendaten ist rund um den Fall Ingo Malm eine Kontroverse entbrannt. (Symbolbild)

Um die Aufbewahrung von Patientendaten ist rund um den Fall Ingo Malm eine Kontroverse entbrannt. (Symbolbild)

Keystone

Johannes Engesser ist enttäuscht. «Meine Versuche, ein neues Ärztezentrum mit dem bisherigen Team in den alten Räumen des Ärztezentrums Mutschellen zu eröffnen, sind gescheitert», schreibt der deutsche Arzt auf seiner Website. Engesser ist einer der neun Ärzte, die bis zur Verhaftung von Ingo Malm (die AZ berichtete) in dessen Gemeinschaftspraxis in Berikon arbeiteten. Malm sitzt in Untersuchungshaft, ihm wird unter anderem Betrug und Urkundenfälschung vorgeworfen.

Seit dem 20. Januar ist die Praxis auf dem Mutschellen geschlossen, dass nun keine Folgelösung zustande kam, hat laut Engesser verschiedene Gründe. «Unsere Kollegen liessen sich nicht ausreichend koordinieren. Mit den Vermietern kam keine wirtschaftlich für uns sicher tragfähige Übergangslösung bis zum Abschluss der Insolvenz zustande. Und das Konkursamt hat angekündigt, dass es das Praxisinventar wochenlang unter Verschluss halten wird», schreibt er.

Patientendossiers als Problem

Johannes Engesser, der für weitere Fragen der AZ nicht erreichbar war, schreibt auf seiner Website: «Mir persönlich tut die bürokratiebedingte Trennung von meinen Patienten sehr leid.» Der deutsche Arzt nimmt damit Bezug auf das Problem, dass der Zugriff auf die Patientendossiers derzeit nicht gewährleistet ist. Engesser schreibt, er und seine Kollegen kämen «nicht juristisch geschützt an die Patientenakten». Diese seien bisher von der Ärztezentrum Mutschellen AG verwaltet worden. Technisch könnten sie nicht für jeden Arzt einzeln ausgelesen werden, hält Engesser fest. «Wer die Patientendaten verwalten, bearbeiten oder drucken will, muss das mit der Gesamtdatei mit den Daten aller Patienten tun.»
Engesser ist der Ansicht, das Departement Gesundheit und Soziales und der Aargauer Kantonsarzt «müssten eine geeignete Regelung treffen, die die Versorgung und das Wohl der Patienten allen anderen Gesichtspunkten voranstellt».

Auftrag vom Kanton nötig?

Die könnte so aussehen, dass sie die Verwaltung der gesamten Patientendatei in die eigene Obhut nimmt. «Oder, pragmatischer, könnten sie einen oder mehrere Ärzte des geschlossenen Ärztezentrums offiziell beauftragen, die Patientendatei zu verwalten», schlägt er vor.

Ohne diesen offiziellen Auftrag sei es keinem Arzt zuzumuten, «sich in die rechtliche Grauzone zu begeben und sich der Datei mit den gesamten Patientendaten zu bemächtigen». Sonst könnte ihm im Nachhinein vorgeworfen werden, er habe sich auch fremde Patientendaten angeeignet. «Womöglich würde das noch Schadensersatzklagen nach sich ziehen», befürchtet Engesser. Er kritisiert, Gesundheitsdepartement und der Kantonsarzt hätten die Verantwortung für die Patientendaten von sich gewiesen. Stattdessen versuchten die Behörden «unter Androhung disziplinarrechtlicher Massnahmen, sie allein den ehemals im Ärztezentrum angestellten Ärzten zu übertragen».

Kantonsarzt kontert Kritik

Auf die Kritik von Engesser angesprochen, hält Kantonsarzt Martin Roth fest: «Es ist die Berufspflicht jedes Arztes, die Patientenakten mindestens zehn Jahre lang aufzubewahren und dafür zu sorgen, dass sie zugänglich sind.» Dies gelte auch, wenn die Praxis geschlossen oder aufgegeben werde. «Wenn sie dieser Pflicht nicht nachkommen, droht ihnen tatsächlich ein Disziplinarverfahren», sagt Roth. Der Kantonsarzt betont, man habe den neun Ärzten, die auf dem Mutschellen tätig gewesen seien, an einer Sitzung vorletzte Woche klargemacht, «dass es auf keinen Fall die Aufgabe des Departements ist, die Patientendaten zu übernehmen.» Bei der Sitzung sei auch Johannes Engesser dabei gewesen.

Nach dem Wissensstand des Kantonsarztes geht es um die Dossiers von 8000 bis 10'000 Patienten. Einige der Betroffenen hätten sich bei der Gemeinde Berikon, beim Gesundheitsdepartement oder beim Kantonsärztlichen Dienst gemeldet. Diese seien aber nicht zuständig, und es brauche auch keinen offiziellen Auftrag des Departements an die Ärzte. Zudem seien Engessers Datenschutzbedenken unbegründet: «Die gesamte Datenbank mit den Patientenakten war bisher für alle Ärzte zugänglich.» Das sei bei einer Gemeinschaftspraxis üblich und bringe Vorteile. «Wenn ein Arzt beispielsweise in den Ferien ist, kann sein Kollege Einsicht nehmen in die Akten eines Patienten, wenn er diesen behandelt.»

Frist bis vergangenen Montag

Kantonsarzt Roth erklärt weiter: «Wir haben allen beteiligten Ärzten bis am Montag eine Frist gesetzt, um uns Lösungen vorzulegen, wie die Praxis weitergeführt und der Zugriff zu den Patientendaten gewährleistet werden kann.» Die Rückmeldungen zeigten, dass einige der Ärzte wahrscheinlich weiter auf dem Mutschellen tätig sein würden. Zum künftigen Umgang mit den Patientendaten habe das Departement aber keine befriedigenden Antworten erhalten. «Wir werden die Ärzte nun nochmals an ihre Pflicht erinnern», kündigt Roth an.

Wenn sich keine Lösung seitens der Ärzte ergibt, ist es für Roth denkbar, dass das Gesundheitsdepartement die Patientendaten der Firma Archivsuisse übergibt. Das ist ein Unternehmen, das solche Daten übernimmt, verwaltet und dann Patienten zur Verfügung stellt. Der Kantonsarzt erklärt, diese Lösung sei auch getroffen worden, als Mitte 2016 in Brugg ein Arzt verschwand (die AZ berichtete). Roth macht aber deutlich, dass eine solche Übergabe an Archivsuisse finanziell zulasten der Ärzte gehen würde, und nicht zulasten des Kantons.

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