Der abtretende Zürcher Nationalrat Christoph Blocher stört sich daran, dass im Bundesparlament immer mehr Berufspolitiker sitzen.

Als solche darf man im Aargau zum Beispiel den grünen Geri Müller oder SP-Nationalrätin Yvonne Feri bezeichnen, weil sie sich nicht nur in Bern der Politik widmen, sondern daneben ihr Einkommen als Stadtammann von Baden und Gemeinderätin von Wettingen verdienen.

Dazu hält Yvonne Feri allerdings fest: Wäre sie nicht in einer Gemeinde-Exekutive, sie würde neben dem Parlamentsmandat sicher noch einen Zivilberuf ausüben.

Die von Christoph Blocher propagierten 50'000 Franken, die für ein Nationalratsmandat reichen und das Milizsystem stärken sollen, hält sie dennoch für unrealistisch.

Das würde dazu führen, dass sich nur noch Leute aufstellen liessen, die kaum auf eine Entschädigung der Parlamentsarbeit angewiesen sind.

Meiste sind waschechte Milizler

Die meisten Aargauer Bundesparlamentarier sehen sich als echte Milizpolitiker und möchten das auch weiterhin so halten. BDP-Nationalrat Bernhard Guhl zum Beispiel ist bei einer Grossunternehmung als Ingenieur angestellt.

Mit einem Pensum von 40 Prozent. Und dieses Pensum müsse er auch wirklich erfüllen. Zusammen mit dem Nationalratsmandat auf 100 Prozent komme er, wenn er mit einer 40-Stunden-Woche rechnen würde, aber das reiche bei weitem nicht. Ginge es nach Blocher, «hätten wir ein Parlament nur noch für die Reichen», sagt Guhl. Ob das Volk das wolle, bezweifle er stark.

Oder der Grünliberale Beat Flach: Er ist als Jurist zu 50 Prozent beim Ingenieur- und Architektenverein SIA angestellt.

Auch er ist überzeugt: Würde man die Parlamentsentschädigung kürzen, würde das nicht zu einem unabhängigeren, echten Milizparlament führen, sondern zum Gegenteil: «Im Parlament sässen dann nur noch Reiche oder Leute mit einem Pseudo-Job, die von Lobbygruppen bezahlt sind.»

Auch FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger hält die Entschädigung für gerechtfertigt und Blochers Vorschlag eher für den Ausdruck einer gewissen Frustration.

Eine massiv gekürzte Pauschalentschädigung würde ihrer Meinung nach zu viel mehr Absenzen im Parlament und den Kommissionssitzungen führen. Ihr Engagement im Zivilberuf als Anwältin und für diverse Verwaltungsratsmandate schätzt Eichenberger auf «sicher 40 bis 50 Prozent».

Der Aufwand für ein Parlamentsmandat liegt nach Auffassung von SP-Nationalrat Max Chopard bei «mindestens 40 bis 50 Prozent, wenn man es ernst nimmt».

Er arbeitet im Zivilberuf mit einem 50-Prozent-Pensum für die Umweltarena in Spreitenbach. Er stehe zum Milizsystem, aber die Parlamentsarbeit müsse so entschädigt sein, dass sie nicht nur noch von Politikern mit hoch dotierten Verwaltungsratsmandaten geleistet werden könne, die nicht mehr unabhängig seien.

Zu viel für Cédric Wermuth?

Politik als Halbtagesjob und noch eine eigene Firma leiten, geht das überhaupt? Die Unternehmer sagen Ja. Ein waschechter Milizler sei er, sagt Ulrich Giezendanner. Das sei möglich, weil er sich in Bern auf eine Kommission konzentriere, in die er seine Erfahrung aus dem Zivilberuf einbringen könne. Damit halte er den Aufwand für die Politik bei 30 Prozent.

Mit Blocher sei aber auch er nicht ganz einverstanden: Für einen jungen Nationalrat wie Cédric Wermuth sei die Entschädigung für das Parlamentsmandat zu hoch.

Für gestandene Berufsleute, die ein unternehmerisches Risiko tragen, wären die von Blocher geforderten 50 000 aber zu knapp.

Parteikollege Hansjörg Knecht hat sich zur richtigen Höhe der Entschädigung keine konkreten Gedanken gemacht, geht aber für ein Nationalratsmandat ohne weiteres von einem 50-Prozent-Pensum aus. Mit dem Präsidium beim Hauseigentümerverband und den Aufgaben im Unternehmen komme er auf eine 60- bis 65-Stunden-Woche.

Obwohl sein Engagement gerade vor der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative 100-prozentig gewesen sei, bezeichnet sich auch SVP-Nationalrat Luzi Stamm als waschechten Milizler.

Für seine anwaltliche Tätigkeit wende er sicher 20 Stunden in der Woche auf. Auch er sieht im Gegensatz zu SVP-Übervater Blocher aber keinen Grund, die Entschädigungen milizgerechter zu gestalten. Das Regime sei «grosszügig angemessen».