Che bello, Locarno! Für seinen 70. Geburtstag hat sich das renommierteste Filmfestival der Schweiz herausgeputzt. Die ganze Stadt hüllt sich wieder in den gelben und schwarzen Festivalfarben, und im Sonnenschein erstrahlt das schicke neue Filmhaus PalaCinema, das sich mit seinen drei Kinosälen als zentrale Anlaufstelle für die Festivalbesucher empfiehlt. Doch der Startschuss zur zehntägigen Filmschau fiel gestern in bewährter Tradition unter dem freien Sternenhimmel auf der Piazza Grande.

«Flüchtlinge in Oberwil-Lieli – Eine wundersame Wandlung»: Die ARD-Reportage aus dem Aargau.

«Flüchtlinge in Oberwil-Lieli – Eine wundersame Wandlung»: Die ARD-Reportage aus dem Aargau. (Januar 2016)

Auf der gigantischen Leinwand lief dort das französische Drama «Demain et tous les autres jours» als offizieller Eröffnungsfilm. Regisseurin und Hauptdarstellerin Noémie Lvovsky und Hauptdarsteller Mathieu Amalric (bekannt geworden als Bösewicht im Bond-Film «Quantum of Solace») waren ins Tessin gereist, um den Film persönlich vorzustellen. Ein netter und gefühlvoller Auftakt – aber der falsche.

«Versöhnung klingt anders»: Andreas Glarner im Gespräch mit ARD-Morgenmagazin-Reporter Matthias Ebert

«Versöhnung klingt anders»: Andreas Glarner im Gespräch mit ARD-Morgenmagazin-Reporter Matthias Ebert

Ausschnitt aus der Sendung «moma-Reporter» des ARD-Morgenmagazins vom 17.12.2015.

Andreas Glarner vor der Ortstafel seiner Gemeinde Oberwil-Lieli

Andreas Glarner vor der Ortstafel seiner Gemeinde Oberwil-Lieli

Der dunkle Fleck in der Schweiz

Der richtige Auftakt, einer, der weitaus mehr Zündstoff bot, fand nämlich einige Stunden zuvor statt. Wer nicht gerade damit beschäftigt war, entlang der Uferpromenade eine Glace zu vertilgen, suchte sich am Nachmittag im gut gefüllten Fevi einen Platz. Denn dort wurde – sozusagen als inoffizieller Eröffnungsfilm – jenes Werk gezeigt, das vor allem von den Schweizer Festivalbesuchern mit grosser Spannung erwartet worden ist: «Willkommen in der Schweiz», Sabine Gisigers Dokumentarfilm über den Fall Oberwil-Lieli.

Zur Erinnerung: Die Aargauer Gemeinde war im Herbst 2015 in die Schlagzeilen geraten, als ihr Ammann, der heutige SVP-Nationalrat Andreas Glarner, verkündete, lieber eine Strafzahlung in Höhe von 250'000 Franken zu leisten, als 10 Asylsuchende aufzunehmen. Er liess auch ein Haus abreissen, das den Asylsuchenden Unterschlupf hätte gewähren können. Das angereiste Fernsehteam der ARD sprach von einem «dunklen Fleck in der Schweiz».

«Als ich dieses Interview mit Andreas Glarner sah, war ich schockiert», erzählt Filmregisseurin Sabine Gisiger der «Nordwestschweiz» in Locarno. «Ich entschloss mich, Glarner zu besuchen und herauszufinden, was da dahinter ist.» Mit ihrer Idee, die Geschehnisse in Oberwil-Lieli in einem Film zu dokumentieren, war dieser einverstanden.

Johanna Gündel

Johanna Gündel

Gisiger filmte zwischen Herbst 2015 und Herbst 2016. Neben Glarner kommen in «Willkommen in der Schweiz» auch die Studentin Johanna Gündel, die den Widerstand gegen Glarners Nein-Politik anführte, und die Grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli zu Wort. Bei einigen Statements von Glarner, der bei der Premiere in Locarno anwesend war, wurde im Saal hämisch gelacht. Doch Gisiger vermeidet es geschickt, den SVP-Mann in ihrem Film einfach vorzuführen.

Das Filmfestival von Locarno wird 70

Das Filmfestival von Locarno wird 70

Das Filmfestival von Locarno feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Es ist eines der ältesten Filmfestivals der Welt. 1946 wurde das Festival gegründet - seither fand bis auf 1951 und 1956 jedes Jahr statt. Zunächst sollte Lugano Gastgeber sein. Die dortige Bevölkerung lehnte das Projekt aber bei einem Referendum ab.

Ein Spiegel für die Zuschauer

Die Regisseurin sagt, ihr Ziel sei es nicht gewesen, vor der Kamera zu polemisieren, sondern sich von ihrer Neugier leiten zu lassen und sachliche Fragen zu stellen. «Ich hatte den Eindruck, dass Oberwil-Lieli wie die Schweiz unter einem Vergrösserungsglas ist. Dass man anhand dieser Gemeinde erkennt, was eigentlich in unserem Land passiert.» Mit ihrem Film wolle sie den Zuschauern einen Spiegel vorhalten. «Sie sollen sich fragen: Auf welcher Seite stehe ich? Was habe ich für Gedanken und Gefühle? Könnte ich auch einen Beitrag leisten?» Festivaldirektor Carlo Chatrian nannte «Willkommen in der Schweiz» einen wichtigen Film zum Thema Diskriminierung, der auch im weiteren Festivalverlauf zu Diskussionen anregen soll. Locarno ist lanciert!

Locarno Festival Bis 12. August