Nach Angriff auf Politiker
Kontroverse: Gehören Betrunkene ins Spital oder in eine Ausnüchterungszelle?

Nach einem tätlichen Angriff eines Berauschten auf einen Grossrat wollten er und ein weiterer Grossrat wissen, was die Polizei mit stark betrunkenen Personen macht. Sie kommen zur Ausnüchterung ins Spital. Geht das, oder braucht es Ausnüchterungszellen wie in Zürich?

Mathias Küng
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Braucht der Aargau Ausnüchterungszellen? Hier eine Zelle in St. Gallen.

Braucht der Aargau Ausnüchterungszellen? Hier eine Zelle in St. Gallen.

Bild: Urs Bucher

Sie wollten mit ihrem Vorstoss vor allem darauf aufmerksam machen, dass es im Kanton Aargau keine Ausnüchterungszellen gibt, sagt der SVP-Grossrat (und Zürcher Stadtpolizist) Roland Vogt. Es gehe ihnen auch darum, aufzuzeigen, dass es keine Lösung ist, wenn die Polizei einen berauschten Mann wie jenen, der CVP-Grossrat Harry Lütolf letzten Herbst beim Anbringen von Wahlplakaten angegriffen hat, einfach nach Hause bringe, weil es keine Ausnüchterungszellen gibt.

Harry Lütolf wurde tätlich angegriffen.

Harry Lütolf wurde tätlich angegriffen.

zvg

Vogt: «So jemand könnte ja eine Stunde später wieder unterwegs sein und jemand anderes angreifen, oder zu Hause randalieren.» Vogt und Lütolf sind mit der regierungsrätlichen Antwort (die Regierung sieht keinen Bedarf für Ausnüchterungszellen) nur teilweise zufrieden und werden mit einem Postulat oder gar mit einer verbindlichen Motion nachstossen.

Ziel ist eine eigene Aargauer Einrichtung mit Ausnüchterungszellen, die natürlich möglichst zentral liegen müsste. Vogt sagt:

«Naheliegend wäre, sie der JVA Lenzburg anzugliedern.»

Aber warum kann man es nicht einfach so lassen, wie es ist? Offenbar tritt das Problem mit schwerst Alkoholisierten im Aargau weniger häufig auf als in der Ausgeh-Stadt Zürich, die deswegen so eine Einrichtung schon länger hat.

Ausnüchterung im Spital kostet fast 2500 Franken

Er wolle schwer alkoholisierte oder eben berauschte Personen, die unter Umständen randalieren, nicht länger dem Spital-Pflegepersonal zumuten, sagt Vogt, der schon Gespräche mit Betroffenen in Spitälern geführt hat:

«Sie haben zudem wegen Corona ohnehin mehr als genug zu tun. Kommt dazu, dass eine Ausnüchterung im Spital fast 2500 Franken kostet.»
Roland Vogt.

Roland Vogt.

Gioia Loredana

In der Stadt Zürich können Einlieferungen rund um die Uhr erfolgen, wobei tagsüber eine Pikettorganisation zuständig ist. Von diesem Angebot machen auch die Kantonspolizei Zürich und die kommunalen Polizeien im Kanton Zürich Gebrauch, und das Modell habe sich bewährt, so Roland Vogt. «Zudem können so die anfallenden Kosten der betroffenen Person direkt verrechnet werden.»

Ausnüchterungszellen seien die bessere und für alle Beteiligten sicherere Lösung als jene, die es bis jetzt im Aargau gibt, ist Vogt überzeugt. Es stimme natürlich, dass die Wege in Zürich relativ kurz seien, während die Fahrt im Aargau von einem Kantonsende in eine zentrale Einrichtung Zeit brauche und Mannstunden binde, räumt er ein. Dafür gäbe es auch Lösungen, meint er. Gleichwohl könnten Ausnüchterungszellen die Polizei auch entlasten, ist er überzeugt, indem sie nicht mehr extra zur Bewachung eines alkoholisierten mutmasslichen Straftäters Beamte ins Spital schicken muss.

Psychiatrische Dienste sind froh um die heutige Regelung

Doch wie sehen das die direkt Betroffenen in den Spitälern selbst? Patrik Roser ist Chefarzt und Leiter des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen bei den Psychiatrischen Diensten Aargau AG (PDAG).

Patrik Roser.

Patrik Roser.

zvg

Er ist froh, wenn Personen, die von der Polizei schwer alkoholisiert oder berauscht aufgegriffen werden und die ein Suchtproblem haben könnten, zu ihnen gebracht werden: «Es ist gut, wenn sie zu uns kommen und bei uns ausgenüchtert werden, sodass wir ihnen nachher ein therapeutisches Angebot machen können. Ob sie es annehmen, ist dann natürlich ihr Entscheid. Es ist aber besser, als wenn sie nach einer Nacht in der Ausnüchterungszelle nach Hause entlassen werden, ohne die Chance, sie auf ein mögliches Suchtverhalten anzusprechen.»

Wenn jemand aber eine sehr hohe Alkohol- oder Drogenintoxikation hat, was lebensbedrohlich sein kann, bringe die Polizei sie richtigerweise ins Akutspital, weil dieses besser ausgerüstet ist, sagt Roser. Dort führe man mit der Person ein Gespräch, wenn sie wieder nüchtern ist, und verweise sie an die PDAG, wenn der Eindruck einer Suchtproblematik bestehe. Die PDAG arbeitet ehr eng mit den Kantonsspitälern zusammen. Sie haben seit 2019 für derartige Fälle ein Reglement mit klaren Zuständigkeiten definiert, das sich in der Praxis sehr gut bewährt habe.

Situation in Zürich ganz anders als im im Kanton Aargau

Roser kennt die Zürcher Ausnüchterungszellen. Die Situation in Zürich mit vielen Menschen auf kleinem Raum sei aber eine ganz andere als im flächigen und eher ländlichen Kanton Aargau, gibt er zu bedenken.

Die Ausnüchterungszelle in Zürich auf der Uraniawache mit dem sogenannten «Cool Down Pink» als Farbton. (Archiv)

Die Ausnüchterungszelle in Zürich auf der Uraniawache mit dem sogenannten «Cool Down Pink» als Farbton. (Archiv)

Jiri Reiner

Er kennt Fälle aus Deutschland, wo stark alkoholisierte Personen in Polizeigewahrsam verstorben sind: «Es ist besser, solche Menschen ins Spital zu bringen als in eine Ausnüchterungszelle, selbst wenn dort ebenfalls ein Arzt ist.» Denn nirgendwo ist man für eine mögliche kritische Situation so gut ausgerüstet wie in einem Akutspital.

Kantonsspital Aarau: Heutige Lösung nachvollziehbar

Personen, die von der Polizei zur Ausnüchterung eingeliefert werden, «seien für das Spitalpersonal schon ressourcenintensiv, zumal dies gehäuft an Wochenenden geschieht, wenn im Notfall ohnehin viel los ist», sagt Isabelle Wenzinger, Sprecherin des Kantonsspitals Aarau (KSA). Man könne aber nachvollziehen, dass der Kanton für solche Personen nicht noch separate Betreuungsstrukturen aufbauen wolle.

Das KSB betreut rund 600 stark alkoholisierte Personen pro Jahr

Es gab in Baden früher schon einmal eine polizeiliche Ausnüchterungszelle. Weil dort keine adäquate medizinische Betreuung gewährleistet werden konnte, war die Situationen zum Teil heikel. Stark betrunkene Personen wurden seitdem zur Überwachung und Ausnüchterung ins Kantonsspital Baden (KSB) gebracht, wie Sprecher Stefan Wey sagt.

Pro Jahr betreue man rund 600 stark alkoholisierte Personen auf der Notfallstation im KSB. Viele werden indes nicht von der Polizei, sondern mit der Ambulanz eingeliefert, etwa weil sie gestürzt sind oder sich sonst verletzt haben. Gewiss gebe es mitunter Probleme, wenn eine betrunkene Person sehr ausfällig wird, das sei aber nicht oft der Fall. Wey: «Dass die Polizei solche Personen zu uns bringt, ist für uns eine vernünftige und praktikable Lösung.»

Wozu eine Ausnüchterungszelle?

Ziel dieser Einrichtung ist es, berauschte Personen, die sich oder andere ernsthaft oder unmittelbar gefährden, in polizeilichen Gewahrsam zu nehmen und bis zu ihrer Entlassung unter professioneller medizinischer und sicherheitstechnischer Aufsicht zu betreuen und auszunüchtern. Das geschieht auch mit alkoholisierten oder unter Drogen stehenden Straftätern. Erst nach der Ausnüchterung kommen diese in der Stadt Zürich ins Polizeigefängnis. Roland Vogt: «Als ich selbst noch auf Streife war, haben wir schwer alkoholisierte und/oder unter Drogeneinfluss stehende Personen in der eigenen Wache ausgenüchtert. Diese Zeiten sind vorbei.»