Stellenabbau
Nach Alstom-Schock: Aargauer Regierung setzt Task Force ein

Alstom streicht 1300 Stellen im Aargau – diese Nachricht schlägt ein wie ein Paukenschlag. Denn noch im September waren Aargauer Regierung und sogar die Gewerkschaft Unia zuversichtlich, was die Folgen der GE-Übernahme betrifft.

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Im Sitz der Aargauer Regierung wurde eine Task Force zum Alstom-Abbau beschlossen

Im Sitz der Aargauer Regierung wurde eine Task Force zum Alstom-Abbau beschlossen

wikipedia

Die Nachricht schlägt ein wie ein Hammer: Alstom baut an den Aargauer Standorten Baden (Hauptsitz), Birr, Turgi und Oberentfelden 1300 Stellen ab. 5500 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen im Aargau. Das heisst: Fast jede vierte Stelle verschwindet.

Diese Hiobsbotschaft kommt für den Aargau überraschend. Noch letzten September hatte die EU-Kommission die 12-Milliarden-Euro-Übernahme der Energiesparte von Alstom durch den amerikanischen Technologie-Giganten General Electric (GE) unter Auflagen genehmigt.

Der heute von General Electric (GE) angekündigte Abbau von bis zu 1300 Stellen löst auch beim Regierungsrat grosse Betroffenheit aus. Der Aargauer Regierungsrat setzt sich dafür ein, dass möglichst viele Stellen im Aargau erhalten bleiben, wie die Regierung in einer Medienmitteilung schreibt.

Alstom streicht 1300 Stellen - Mitarbeiter auf dem Weg zu einem Informationsanlass des Unternehmens am Mittwochmittag
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Alstom streicht 1300 Stellen - Mitarbeiter auf dem Weg zu einem Informationsanlass des Unternehmens am Mittwochmittag
1300 Jobs werden gestrichen - im Bild: Mitarbeiter verlassen in Birr ihren Arbeitsplatz (Archivbild)
Jeder vierte Mitarbeiter der Alstom muss gehen
Alstom-Manager Philippe Cochet
Impressionen der Firma Alstom
Fünf Standorte im Aargau sind betroffen
Alstom in Birr

Alstom streicht 1300 Stellen - Mitarbeiter auf dem Weg zu einem Informationsanlass des Unternehmens am Mittwochmittag

Sandra Ardizzone

Der Aargauer Regierungsrat will sich dafür einsetzen, dass der angekündigte Abbau von 1300 Stellen bei General Electric (GE) im Kanton Aargau möglichst gering ausfällt. Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann bezeichnete den Abbau als "harten Schlag". Der Kanton bietet den Betroffenen Unterstützung an.

"Wir werden uns dafür einsetzen, dass der Stellenabbau möglichst gering ausfällt und für die Betroffenen sozialverträgliche Lösungen gefunden werden", versicherte Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann (SP) am Mittwoch in einer Stellungnahme.

Als positiv schätze der Regierungsrat ein, dass GE die Standorte Baden, Birr, Dättwil, Turgi und Oberentfelden weiter betreibe und sich zu einem langfristigen Engagement im Aargau bekenne.

Dazu gehört gemäss Kanton die Ansiedlung von zwei globalen Sparten-Hauptsitzen in Baden (Headquarters Power Services und Steam Power Systems) sowie weiterer Unternehmenseinheiten in den Bereichen Service, Gas, Dampf, Erneuerbare Energien und Energiemanagement.

Damit werde erstmals die weltweite Leitung eines bedeutenden GE-Unternehmensbereichs ausserhalb der USA angesiedelt. Dies zeigt laut Regierungsrat, "dass das Unternehmen von den Qualitäten des Standorts Aargau überzeugt ist".

GE begründe den schmerzlichen Einschnitt mit strukturellen Problemen, insbesondere mit den Einbrüchen im Segment Gas- und Dampfkraft in den letzten Jahren. Der Konzern habe der Regierungsratsdelegation am Mittwoch versichert, dass die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während des Abbauprozesses unterstützt und begleitet würden.

Kanton fordert sozialverträgliche Lösungen

Der Regierungsrat setzt eine Taskforce ein unter Leitung des Chefs des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit. Die Taskforce solle zusammen mit der Unternehmensleitung und den Sozialpartnern Massnahmen erarbeiten.

Als Möglichkeit sieht der Kanton Kurzarbeit, Fluktuationen und Frühpensionierungen. Unumgängliche Kündigungen müssten sozialverträglich ausgestaltet werden.

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit werde die Betroffenen unterstützen. Auch habe der Regierungsrat bereits ein nächstes Treffen mit der obersten Unternehmensebene vereinbart.

Badener Stadtammann sieht auch Chancen

Der Stadtammann von Baden, Geri Müller, sagte auf Anfrage, ein Stellenabbau höre man nie gerne. Dieser sei für die Region "bedeutend". In der Energiebranche, die für die Region Baden eine grosse Bedeutung habe, werde es weiterhin wie in den vergangenen fünf Jahren ein Auf und Ab geben.

Er gehe davon aus, dass GE sich auf die wichtigen Sektoren in der Energiebranche konzentriere, hielt Müller (Grüne) fest. Nach der Restrukturierung könne es wieder eine positive Entwicklung geben. Baden gelte als Zentrum für Innovationen in der Strom- und Energiebranche.

Dass die beiden Global Headquarters in Baden bleiben sollen, sei ein Bekenntnis zum Standort Schweiz und zur Region mit dem Cluster, zu dem auch ABB und Axpo gehörten. Das sei "in einem gewissen Sinn die positive Botschaft". Ihm sei es jedoch klar, dass der Stellenabbau für die Betroffenen immer ganz schwierig sei. (sda/sha)

Vom ersten Schock über Worst-Case-Szenarien bis zum abgeschlossenen Deal

Dass es um die Energiesparte von Alstom nicht gut steht, machte sich bereits Ende 2013 und Anfang 2014 bemerkbar, als für die Schweiz eine Jobabbau-Runde bekannt gegeben wurde.

Hauptgrund: Das Kerngeschäft mit den thermischen Kraftwerken und Turbinen war konjunkturbedingt eingebrochen.

Mitte April 2014 ging es dann mit ersten Übernahmegerüchten durch die General Electric los. Damals war von einem Angebot bei 9,4 Milliarden Euro die Rede. Alstom stand definitiv vor dem Ausverkauf. Das liess in Baden, Hauptsitz von Alstom Thermal Power, die rund 45 Prozent zum Konzernumsatz beisteuert, aufhorchen.

Siemens geriet als möglicher Übernehmer plötzlich in die Diskussionen um Alstom. Bereits vier Jahre zuvor kriselte es bei Alstom. Aufgrund des Leistungsausweises hielt sich der Standort Schweiz und entging einem grossen Stellenabbau.

Alstom wollte zu GE, die französische Regierung liebäugelte mit Siemens. Das bewog den GE-Chef Jeffrey Immelt, den Abzug des Schweizer Standortes nach Frankreich anzubieten. Dagegen setzte sich unter anderem Alt-Bundesrat Joseph Deiss als VR-Präsident von Alstom Schweiz zur Wehr.

Der leistungsstarke Standort Schweiz gab zu grossen Hoffnungen Anlass. Im Dezember 2014 besiegelten die Alstom-Aktionäre den Verkauf der Energiesparte an GE. Im Sommer 2015 einigte sich GE mit der EU-Kommission und machte Zugeständnisse. Anfang September 2015 segnete Brüssel die Übernahme ab. (-rr-)

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