«Argovia 2013»
Nach 2. Weltkrieg bescherten Private dem Aargau einen kulturellen Höhenflug

Der 125. Band der Jahresschrift ist einem bemerkenswerten Kapitel aargauischer Kulturpolitik gewidmet. Es zeigt auf, dass Privatinitiative in der Kultur nachhaltige Angebote schaffen kann.

Hans-Peter Widmer
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Das Titelbild auf dem Cover der «Argovia 2013» zeigt die Einweihung eines Brunnens in Staffelbach 1958. Er wurde aus einem dort gefundenen Findling gemacht.

Das Titelbild auf dem Cover der «Argovia 2013» zeigt die Einweihung eines Brunnens in Staffelbach 1958. Er wurde aus einem dort gefundenen Findling gemacht.

Aus Distanz betrachtet, gab es im Aargau nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine Kulturrevolution – jedenfalls eine Aufbruchstimmung, befeuert durch privates Engagement, das alle Erwartungen übertraf.

Die Kulturbeflissenheit mündete in zahlreiche Initiativen und brachte viele Institutionen hervor: 1952 das Kurtheater Baden und die Kulturstiftung Pro Argovia, 1953 die Stiftung Alte Kirche Boswil und die grossen Feierlichkeiten zum 150-Jahr-Kantonsjubiläum, 1959 das Stapferhaus auf Schloss Lenzburg, das Aargauer Kunsthaus und die Kantonsbibliothek in Aarau, 1963 das Aargauer Symphonie-Orchester und 1968 das erste Aargauer Kulturgesetz.

Stärkung der Identität

Im soeben veröffentlichten 125. «Argovia»-Band – der Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau – beleuchtet Roger Sidler dieses bemerkenswerte Kapitel aargauischer Kulturpolitik. Er geht der Frage nach, was Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur antrieb, Zeit und Geld für kulturelle Aktivitäten aufzuwenden.

Drückte die erstaunliche Dynamik Fortschritt-Optimismus im Zuge des beschleunigten Wirtschaftswachstums aus? Diente sie der Heimatkunde, der staatsbürgerlichen Erziehung, gar der geistigen Landesverteidigung oder vor allem der Imagepflege des Aargaus? Der Autor deutet den damals breiten Konsens innerhalb der Aargauer Elite als Bemühen um die Stärkung der Identität und des inneren Zusammenhalts: «Der Kanton von Gewicht verlangte nach einem Gesicht.»

Die Kulturstiftung Pro Argovia mit Sitz im Stapferhaus auf Schloss Lenzburg wurde 1952 gegründet.
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Die Kantonsbibliothek wurde 1959 gegründet.
Das Kurtheater Baden wurde 1952 aus der Taufe gehoben.
1953 entstand die Stiftung Alte Kirche Boswil.
1959 war das Geburtsjahr des Aargauer Kunsthauses.
1963 wird das Aargauer Symphonie-Orchester gegründet.

Die Kulturstiftung Pro Argovia mit Sitz im Stapferhaus auf Schloss Lenzburg wurde 1952 gegründet.

Aargauer Zeitung

Anschein von Kleinkrämerei

Mitten in diesem Höhenflug streifte zwar ein Schatten den Kulturkanton, weil die Stimmbürger zweimal den Kredit für die offizielle aargauische Teilnahme an der Landesausstellung Expo 64 in Lausanne ablehnten. Aber der Aargau verscheuchte den Anschein von Kleinkrämerei mit einem Kunststück, indem er – wieder aus privater Initiative – statt des förmlichen Kantonstages einen unkonventionellen Jugendtag organisierte und der Expo-Leitung 600 000 Franken aus Spenden überbrachte.

Ein halbes Jahrhundert später haben diese Ereignisse nun ihre historisch-literarische Verankerung in der «Argovia» gefunden.

Die Jahresschrift ist mit 270 Seiten ein bisschen schlanker als der letztjährige Band, aber dennoch vielseitig. Franziska Schärer geht kunstvollen Stuckaturen in Aargauer Wohnstuben nach. Stefan Hess beschreibt den Pestsarg von Mandach. David Pfamatter beleuchtet die Schulen des Fricktals unter österreichischer Herrschaft. Florian Müller und Andrea Schaer liefern mit Beiträgen über die Entstehung des Badener Grand Hotels und die Auswertung archäologischer Untersuchungen vertiefte Erkenntnisse zur Bädergeschichte.

Argovia 2013, Verlag hier + jetzt, Baden.