Diskreter Abgang
Nach 101 Jahren: Vaterländischer Verein löst sich auf – das sagt Präsident Andreas Glarner

Die Aargauische Vaterländische Vereinigung, 1918 als Bollwerk gegen die Bolschewiken gegründet, löst sich auf.

Jörg Meier
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Der diskrete Abgang durch die Hintertür nach 101 Jahren
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Eine Versammlung der Vaterländischen Vereinigungen in Biel, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939.
Eine Versammlung der Vaterländischen Vereinigungen in Biel, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939.Bild: Schweizerisches Bundesarchiv
Eine Versammlung der Vaterländischen Vereinigungen in Biel, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939.Bild: Schweizerisches Bundesarchiv
Eine Versammlung der Vaterländischen Vereinigungen in Biel, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939.Bild: Schweizerisches Bundesarchiv
Eine Versammlung der Vaterländischen Vereinigungen in Biel, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939.Bild: Schweizerisches Bundesarchiv
Eine Versammlung der Vaterländischen Vereinigungen in Biel, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939.Bild: Schweizerisches Bundesarchiv

Der diskrete Abgang durch die Hintertür nach 101 Jahren

Schweizerisches Bundesarchiv

Es hat sich abgezeichnet. Der Aargauischen Vaterländischen Vereinigung (AVV) ist im Alter von 101 Jahren definitiv der Schnauf ausgegangen. In letzter Zeit war es sehr ruhig geworden um die von SVP-Nationalrat Andreas Glarner präsidierte rechtsbürgerliche Vereinigung. Nur noch selten meldete sie sich öffentlich zu Wort. So unterstützte sie 2017 den Feldzug der wertkonservativen Pädagogen gegen den neuen Lehrplan 21.

Oder als die AAV im gleichen Jahr in ihrem Bulletin «Die Lupe» Professor Tarik Abou-Chadi, der am Zentrum für Demokratie in Aarau forscht, als «Professor aus dem Morgenland mit Sand an den Sandalen» bezeichnete, war diese krude Bezeichnung der NZZ immerhin eine Glosse wert.

«Welcher Teufel ritt die alten Männer?»

Bereits die Feier zum 100-Jahr-Jubiläum am 18. November 2018 im Grossratssaal in Aarau mit Festredner Christoph Mörgeli fand in der Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit. Auch das interne Publikationsorgan «Die Lupe» ist seit über einem Jahr nicht mehr erschienen. Die AVV versank nach und nach in Agonie.

Die logische Konsequenz: An der schlecht besuchten 101. Generalversammlung im Restaurant Bahnhof in Dottikon wurde am 8. August dieses Jahres beschlossen, die Vereinigung nach 101 Jahren aufzulösen. Denn der Vorstand war zur Erkenntnis gelangt, die Aargauische Vaterländische Vereinigung sei überflüssig geworden.

Die AVV verschwand still und ohne sich zu verabschieden; der Beschluss wurde nicht öffentlich kommuniziert. Hätte sich nicht Sébastien Gissler aus Mühlethal in einem Leserbrief im «Zofinger Tagblatt» bitterlich über das plötzliche Verschwinden der «Vaterländischen» beklagt, hätte man womöglich noch lange nichts vom Ende der einstmals berühmt-berüchtigten Aargauischen Vaterländischen Vereinigung erfahren. «Das konservative Herz blutet bei dieser Nachricht. Welcher Teufel ritt die alten Männer, die diesen Verein auflösten, anstatt ihm neues Leben einzuhauchen?», kritisiert Geissler.

«Unsere Mitgliederzahlen erodieren seit Jahren – ausserdem hat uns der Zeitgeist ein wenig eingeholt.» Andreas Glarner, letzter Präsident der AVV

«Unsere Mitgliederzahlen erodieren seit Jahren – ausserdem hat uns der Zeitgeist ein wenig eingeholt.» Andreas Glarner, letzter Präsident der AVV

KEYSTONE

Mitgliederbestand sinkt innert fünf Jahren von 600 auf 200

Noch vor wenigen Jahren war Andreas Glarner, der die «Vaterländischen» seit 1995 präsidiert, überzeugt, dass es die Vereinigung weiterhin und noch lange brauche. So sagte er 2014 in einem Gespräch mit dieser Zeitung, gerade in einer Zeit, in der ständig neue Unsicherheiten auftauchten, wo zwei Flugstunden von der Schweiz entfernt kriegsähnliche Zustände herrschten, habe der Vaterlandsbegriff hohe Aktualität. Da sei es wichtig, dass es Gruppierungen ausserhalb der politischen Parteien gebe, welche die Entwicklungen wachsam verfolgen. So wie das die AVV seit bald 1918 tue. Und man schliesse sich auch Christoph Blochers Komitee „Nein zum schleichenden EU-Beitritt“ an. In der Auseinandersetzung um das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union «wird man wieder von uns hören», sagte Glarner vor fünf Jahren, als die AVV noch rund 600 Mitglieder hatte.

Doch was 2014 noch galt, gilt heute nicht mehr. Die Aargauische Vaterländische Vereinigung zählt heute noch rund 200 Mitglieder, fast ausschliesslich Männer, die meisten in fortgeschrittenem Alter. Präsident Glarner bestätigt denn auch auf Anfrage die Auflösung: «Unsere Mitgliederzahlen erodieren seit Jahren – zudem hat uns der Zeitgeist ein wenig eingeholt.»

Im Frühjahr 2020 wird der AVV eine letzte Veranstaltung durchführen und sich dann auflösen. An dieser «Dernière» soll auch das Buch präsentiert werden, das die Geschichte der Vereinigung erzählt, die 1918 als Bollwerk gegen die Bolschewiken gegründet worden ist.

Vermögen wird für einen «vaterländischen Zweck verwendet

Gemäss Statuten muss bei einer Auflösung der Vereinigung das Vermögen einem «vaterländischen Zweck» zugeführt werden. Genau diese Bedingung erfüllt das Buch über die AVV; so schliesst sich der Kreis und das Geld macht es möglich, dass zumindest die Erinnerung an die Vereinigung bleibt.

Diese Erinnerung in Buchform verfasst Paul Ehinger, Historiker und ehemaliger Chefredaktor des «Zofinger Tagblatt» und Mitglied der «Vaterländischen» schon seit Jahrzehnten. Dabei hat Ehinger eine Mission: Er will die wahre Geschichte der Aargauischen Vaterländischen Vereinigung erzählen, so wie sie sich ihm aus den vielen Quellen erschliesst, die er akribisch gesucht, gefunden und ausgewertet hat. Ehinger will beweisen, dass Attribute wie «rechtsbürgerlich» oder «reaktionär» für die AVV undifferenziert und unzutreffend sind, zu Unrecht kolportiert werden; vehement wehrt er sich mit zahlreichen Belegen gegen die Vorwürfe der Nähe zum Faschismus, gar zum Nationalsozialismus in den Anfängen der Vereinigung. Publikationen, die eine solche Nähe ausmachen, die bekannteste davon wohl «Die unheimlichen Patrioten» des Autorenkollektivs um Jürg Frischknecht, bezeichnet Ehinger als «pamphletöses Machwerk»; dem Aargauer Historiker Willi Gautschi, der die AVV in seiner Geschichte des Aargaus thematisiert hat, wirft er die Nähe zur SP vor, die teilweise penetrant durchschimmere. Als «zeitfremd» und «ohne Eindringen in den tieferen Kontext» qualifiziert Ehinger solche Texte.

Panoptikum der Rechtsbürgerlichen im Aargau

Aus dem Innern der «Vaterländischen» war bisher wenig bekannt. Ehingers Publikation macht nun etwas öffentlich, dass bis vor wenigen Jahren so ziemlich alle wichtigen rechtsbürgerlichen Aargauer Politiker in der Vereinigung aktiv waren: Zum Beispiel zu Beginn der 90er-Jahre der ehemalige Ständerat Hans Letsch, René Moser von der Autopartei, später Ulrich Giezendanner, Luzi Stamm oder Philipp Müller. Müller trat später aber wieder aus und wurde heftig als «Wendehals» kritisiert. 1991 trat ein junger Jus-Student mit Namen Jean-Pierre Gallati bei. Ulrich Fischer engagierte sich in der AVV und auch Daniel Heller; ebenso der Unternehmer Otto H. Suhner, Fuhrhalter Hanspeter Setz oder Staatsanwalt Peter Heuberger, der deswegen unter Druck geriet und seinen Rücktritt geben musste. Neben Präsident und Nationalrat Andreas Glarner sitzt auch SVP-Grossrat Pascal Furer im heutigen Vorstand der AVV.

Wie die AVV die Abwahl eines Regierungsrates orchestrierte

Die Aargauische Vaterländische Vereinigung (AVV) wurde am 11. November 1918 in Aarau als bürgerliche Reaktion auf den Landesstreik und als Bollwerk gegen den Bolschewismus gegründet. Nur wenige Tage nach der Gründung versammelten sich im Amphitheater in Windisch über 12000 Freiwillige, die bereit waren, jedem gewaltsamen und revolutionären Umsturz entschieden entgegenzutreten.

Gegründet wurde die Vereinigung vom Aarauer Chirurgen Eugen Bircher. Bircher war gleichzeitig Chefarzt und Direktor am Kantonsspital Aarau und galt als einer der führenden Schweizer Chirurgen. Zudem machte er eine steile militärische Karriere; 1934 wurde er zum Divisionär ernannt. Ursprünglich freisinnig, gehörte Bircher 1920 zu den Mitbegründern der Bauern- und Gewerbepartei (BGB) im Aargau, 1942 wurde er in den Nationalrat gewählt. Die Kritik an Bircher, er habe sich zu wenig von Frontismus und Nationalsozialismus abgegrenzt, ja sogar noch erhebliche Sympathien gehegt, relativiert Daniel Heller in seiner Monografie über Eugen Bircher. Und Paul Ehinger, Vorstandsmitglied der «Vaterländischen», geht in seiner Schrift über die AVV noch viel weiter und versucht, alle Vorwürfe zu entkräften. Alles sei auch eine Frage der Perspektive.

Im April 1919 schloss sich die AVV mit gleichgerichteten Organisationen aus anderen Kantonen zum Schweizerischen Vaterländischen Verband zusammen, der bewaffnete Bürgerwehren und einen eigenen politischen Nachrichtendienst betrieb.

In den ersten Jahren ihres Bestehens zählte die Organisation über 15000 Mitglieder. Ihr ursprüngliches Ziel war es, die aus ihrer Sicht drohende Gefahr eines sozialistischen Umsturzes in der Schweiz abzuwenden. Während sich der Schweizerische Vaterländische Verband 1948 nach einem Bestechungsskandal selbst auflöste, machte die AVV unbeirrt weiter. Eher wenig wahrgenommen in der Öffentlichkeit, aber häufig sehr effizient.

Der Erfolg der SVP erweist sich als Totengräber der AVV

Literarisch fand die AVV in Silvio Blatters Roman «Kein schöner Land» ihren Niederschlag, allerdings eher wenig schmeichelhaft. Blatter rückt die Vereinigung in einen rechtsextremen Kontext.

Ehingers Schrift über die Geschichte der AVV, die pünktlich zur Auflösung der Vereinigung erscheinen soll, ist vor allem dort spannend, wo er berichtet, wie die AVV in jüngster Zeit im Aargau Einfluss genommen hat.

Zum Beispiel, als die «Vaterländischen» massgeblich dazu beitrugen, dass der damalige Bildungsdirektor Rainer Huber (CVP) im Februar 2009 abgewählt wurde. Man habe einen «bildungspolitischen Kampf» geführt, schreibt Ehinger; intensiv wurde aus allen Rohren auf Huber und auf die von ihm lancierte Schulreform «Bildungskleeblatt» geschossen. Bekanntlich wurde die Reform vom Stimmvolk abgelehnt. Aber die AVV hatte noch nicht genug. Sie empfahl Huber zur Abwahl, nannte ihn in einem Inserat «Räuber der Kindheit» und begleitete die Kampagne an vorderster Front. In einem gegen Huber hart geführten Wahlkampf mit dem einschlägigen Slogan «Keiner wählt Rainer» unterlag Huber schliesslich dem SVP-Kandidaten Alex Hürzeler. Die AVV hatte ihr Ziel erreicht und Huber musste gehen.
In seiner Schrift sucht Ehinger auch die Gründe für den Niedergang der AVV. Er stellt fest, dass der Erfolg der SVP das Ende der AVV beschleunigt hat. Denn die SVP vertrete seit den 90er-Jahren den nationalkonservativen Kurs schweizweit und mit deutlich mehr Erfolg. Und mache die «Vaterländischen» aus dem Aargau damit haltweitgehend überflüssig. (jm)