Nothilfe
Muttertagsfonds hilft in der Not: «Manche erzählen ihre ganze Lebensgeschichte»

Alice Roth führt den Muttertagsfonds des Katholischen Frauenbundes. Den gibt es seit über 40 Jahren. Nach wie vor brauche es ihn: Mit kleinen Zustüpfen werden Frauen unterstützt. Es kommen immer mehr Gesuche von Asylantinnen.

Andrea Marthaler
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«Die Frauen sollen spüren, dass sie nicht allein sind»: Alice Roth.

«Die Frauen sollen spüren, dass sie nicht allein sind»: Alice Roth.

Andrea Marthaler

Am Muttertag wird in vielen katholischen Pfarreien Geld gesammelt. Alice Roth führt seit 15 Jahren den Muttertagsfonds des Aargauischen Katholischen Frauenbundes. Mit diesem werden Frauen und Kinder in Notsituationen unterstützt. So wird etwa die Zahnarztrechnung übernommen oder Geld für Babykleider gezahlt. Die 66-Jährige hat zwei Kinder und ist dreifache Grossmutter.

Alice Roth, was bedeutet Ihnen der Muttertag?

Ich lege nicht Wert darauf, dass meine Kinder vorbeikommen. Stattdessen wollen ich und mein Mann einen Ausflug mit meiner Schwiegermutter machen.

Und früher, als die Kinder noch klein waren?

Ich fand es immer herzig, wenn die Kinder ein Geschenk aus der Schule brachten. Sie machten immer ein Geheimnis darum. Ich erinnere mich an ein Stecknadelkissen, das ich heute noch brauche.

War dies bereits in Ihrer eigenen Kindheit so?

Ich bin mit zwei Schwestern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Zum Muttertag haben wir unser Mueti verwöhnt, aber nicht mit Geschenken. Stattdessen haben wir gekocht.

Die Beiträge des Muttertagsfonds werden über das ganze Jahr verteilt ausgeschüttet, woher kommt der Name?

Bei seiner Gründung vor über 40 Jahren stammten alle Spenden aus der Muttertagskollekte, die in vielen katholischen Pfarreien gesammelt wird. Heute machen diese Beiträge nur noch rund die Hälfte der Spenden aus. Der Rest stammt von privaten Spenden und Legaten sowie dem Verkauf von Fotokarten.

Wieso braucht es den Muttertagsfonds?

Dieser hat Tradition. Früher haben Frauen an Basars Geld gesammelt, um andere Frauen mit weniger Mitteln zu unterstützen. Dass es den Fonds heute braucht, sehe ich an den vielen Gesuchen. Jährlich kommen über 100 Anfragen, von denen wir nur wenige zurückweisen müssen. Wir zahlen jährlich rund 60 000 Franken aus.

Viele der Gesuche kommen über Beratungsstellen. Manche aber auch direkt von Privatpersonen, wo Sie die erste Ansprechperson sind. Wie gehen Sie mit diesen Schicksalsschlägen um?

Viele brauchen einfach mal eine Person, die ihnen zuhört. Manche erzählen mir ihre ganze Lebensgeschichte. Es gibt auch schriftliche Gesuche, bei denen ich das Schreiben erst einmal auf die Seite legen muss, bis ich bereit bin für den Leidensweg.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Wir bekommen immer mehr Gesuche von Asylantinnen. Manche haben einen langen Fluchtweg hinter sich, oft mit Kindern und vielleicht noch schwanger...

Alice Roth unterbricht das Interview, reibt ihre Arme und sagt, es friere sie wieder, wenn sie nur daran denke.

Generell beschäftigt es mich, wenn junge Mütter mit kleinen Kindern in der Schweiz im Asylheim wohnen müssen.

Haben Sie früher selber Not erlebt?

Ich bin im solothurnischen Winznau in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und habe erlebt, wie es ist, mit wenig auszukommen. Auch mein Mann und ich lebten nach der Devise: Man gibt nur das Geld aus, das man hat.

Sie haben mir erzählt, dass Sie den Muttertagsfonds in absehbarer Zukunft jemand anderem in die Hände geben wollen. Was werden Sie mit der neu gewonnenen Zeit machen?

Ich möchte wieder mehr reisen oder Ausflüge machen, mich vielleicht auch mehr sportlich betätigen. Auf jeden Fall möchte ich wieder mehr Zeit für mich haben, um mit Genuss ein Buch zu lesen. Das war nur noch in den Sommerferien möglich, wenn weniger Gesuche zu bearbeiten waren.

Haben Sie zum Schluss noch einen Muttertagswunsch an die von Ihnen unterstützten Mütter?

Ich wünsche mir, dass sie durch unsere Unterstützung wieder etwas Mut und Hoffnung bekommen haben und durch den kleinen Zustupf spüren, dass sie nicht alleine sind.