Aargau
Müssen die Primarschüler ab 2017 Französisch büffeln oder erst viel später?

Der Regierungsrat will Primarschulfranzösisch zusammen mit dem Lehrplan 21 einführen, frühestens 2017. Doch nun haben verschiedene Parteien das «Frühfranz» als Pfand in die Spardebatte geworfen.

Hans Fahrländer
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Darf Kulturminister Alain Berset verlangen, dass alle Schweizer Kinder bereits in der Primarschule Französisch lernen? Die Frage wird zurzeit landesweit hektisch diskutiert. Berset hatte die Forderung in der Fragestunde des Nationalrates gestellt. Es ging um die Bestrebungen in mehreren Deutschschweizer Kantonen, nur noch eine Primarschul-Fremdsprache für obligatorisch zu erklären. Und weil in vielen Kantonen zuerst Englisch unterrichtet wird, könnte es zum Ärger des welschen Bundesrates und für die Sprachfrage zuständigen Innenministers dem Französisch demnächst an den Kragen gehen.

Der Aargau hat sich bisher gar nicht im Sinne Alain Bersets verhalten. Er hat im Gefolge von Zürich, aber in Opposition zu den Nordwestschweizer Partnern Basel-Stadt, Baselland und Solothurn auf «English first» gesetzt. Und er hat die ursprünglich auf 2015 geplante Einführung von Primarschulfranzösisch hinausgeschoben; Franz in der 5. Klasse soll nun gemeinsam mit dem Lehrplan 21, das heisst frühstens auf das Schuljahr 2017/18 eingeführt werden.

Harmos ist für den Aargau nicht verbindlich

Das Schweizer- und auch das Aargauervolk haben 2006 mit einem überwältigenden Mehr von über 80 Prozent neue Bildungsartikel in der Bundesverfassung gutgeheissen. Darunter auch einen Artikel 62.4, welcher dem Bund eine Eingreifkompetenz zubilligt, falls sich die Kantone in den wichtigsten Fragen der Schulharmonisierung, zum Beispiel in den «Zielen der Bildungsstufen», nicht einigen. Ob Anzahl und Reihenfolge der Primarschulfremdsprachen zu den «Zielen der Bildungsstufen» gehören, ist umstritten.

Die Kantone haben zur Umsetzung des Verfassungsauftrages das Konkordat «Harmos» (Harmonisierung der obligatorischen Schule) gegründet. Dort drin steht in Sachen Primarschulfremdsprachen indessen etwas nicht eben Harmonisierungsförderliches: Die erste Fremdsprache müsse in der 3. Klasse eingeführt werden, die zweite in der 5. Klasse - Reihenfolge egal.

Der Aargau ist dem Harmos-Konkordat nie beigetreten. Er hat es auch nie abgelehnt. Nach der Abwahl von Bildungsdirektor Rainer Huber, der den Beitritt angestrebt hatte, beschloss die Nachfolgeadministration unter dem neuen Bildungsdirektor Alex Hürzeler, Harmos gar nicht aufzutischen. So gesehen ist der Aargau auch in der Fremdsprachenfrage «frei».

Der Bundesrat hat indes in Aussicht gestellt, dass er seine Eingreifkompetenz ab 2015 aktivieren könnte. Statt einer harmonisierten Schullandschaft ist die Schweiz nämlich zurzeit noch ein Flickenteppich: 15 Kantone sind dem Konkordat beigetreten, 7 haben einen Beitritt abgelehnt, 4 Kantone haben sich der Debatte verweigert. (fa)

Ab August 2014 kommt der Aargau zwar quasi «geschenkt» ebenfalls zu Primarschul-Franz: Der Französisch-Unterricht beginnt ja zurzeit im 6. Schuljahr, das heisst im ersten Oberstufenjahr. Nun rutscht dieses 6. Jahr mit dem neuen Strukturmodell von der Oberstufe auf die Primarstufe. Doch trotz dieser Verschiebung wird vorderhand kaum «richtiges» Frühfranzösisch unterrichtet. Was für Französisch genau – darauf warten Lehrpersonen fünf Monate vor dem Start immer noch. Die in Aussicht gestellten Sonderlehrpläne sind noch in Arbeit.

Nun erscheint für das Primarschulfranzösisch ein zusätzlicher Störfaktor am Horizont, und zwar in Form der regierungsrätlichen Leistungsanalyse, besser bekannt unter dem Namen Sparpaket. Es ist allerdings nicht die Regierung, welche die Verschiebung oder Sistierung vorschlägt. Der Vorschlag taucht in verschiedenen Vernehmlassungen auf – nach dem Motto: Lieber auf anstehende Reformen verzichten als das heutige Angebot kürzen. Die sich so äussern, stammen nicht alle aus dem gleichen Lager.

«Ich verstehe Bundesrat Berset», sagt spontan Sabine Freiermuth, FDP-Grossrätin aus Zofingen, Mitglied der Bildungskommission. In der Vernehmlassung der FDP zur Leistungsanalyse steht beim Frühfranzösisch geschrieben: «Der Verzicht auf diese Reform ist zu prüfen oder sie ist zumindest zeitlich zu verschieben.»

Steht Sabine Freiermuth nicht hinter diesem Vorschlag der Partei? «Doch», betont sie. Erstens stelle sie sich hinter den Grundsatz, bei Geldmangel nicht zusätzliche Reformen anzupacken. Und zweitens habe sie Signale von der Schulfront, dass zwei Primarschulfremdsprachen viele Kinder überfordern könnten. «Persönlich hätte ich es aber lieber gesehen, wenn im Aargau zuerst Französisch eingeführt worden wäre. Der Aargau hat sich von Zürich ins Schlepptau nehmen lassen und sehr schnell Frühenglisch eingeführt. Französisch ist eine wichtige Sprache und es ist eine Landessprache.» Für zentral hält es Sabine Freiermuth aber, «dass mit dem Lehrplan 21 endlich auch das Fremdsprachengewirr gelöst und eine verbindliche Reihenfolge festgelegt wird».

Ein noch radikaleres Vorgehen punkto Primarschulfremdsprachen schlägt die SVP vor. In ihrer Vernehmlassungsantwort zur Leistungsanalyse heisst es schlicht: «Streichung Frühfranzösisch und Frühenglisch». Übrigens auch: «Verzicht auf Umsetzung Lehrplan 21». «Nein, die Debatte um das Vorpreschen von Bundesrat Berset ändert nichts an unserer Haltung», betont Richard Plüss, SVP-Grossrat aus Lupfig und Mitglied der Bildungskommission. Natürlich sei Englisch eine wichtige Sprache, gerade für die Wirtschaft, «aber früher, mit dem späteren Beginn, hat man auch gut Englisch gelernt.»

Nachdem nun die Primarstufe bis zum 6. Schuljahr dauert – würde Plüss den Start für Französisch noch weiter nach hinten, also auf das erste Oberstufenjahr verschieben? Das denn doch nicht: «Drei Jahre sind zu kurz, man muss den Start in der 6. Klasse belassen.»

Der Aargauische Lehrerinnen- und Lehrerverband (alv) hat das Heu selten auf derselben Bühne wie FDP und SVP. Hier aber schon: «Bevor man daran geht, das bestehende Angebot der Volksschule zu kürzen, soll man zuerst auf zusätzliche teure Reformen verzichten», sagt alv-Präsident Niklaus Stöckli. Das sei keine Aussage gegen das Frühfranzösisch: «Es gibt keine pädagogischen Argumente gegen seine Einführung. Aber wir möchten in erster Priorität das bestehende Angebot an der Volksschule erhalten.» Auch Stöckli wünscht sich im Übrigen, «dass der Lehrplan 21 endlich eine verbindliche Reihenfolge der Fremdsprachen durchsetzt».

Ob diese Verschiebebereitschaft aus verschiedenen Lagern genügt, um das Frühfranzösisch im Rahmen der Spardebatte auf eine noch längere Bank zu schieben, werden die kommenden Wochen zeigen. Alain Berset jedenfalls hätte keine Freude daran.

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