«Ganz Ohr»
Museums-Direktor Pauli meint es ernst: «Ich freue mich auf das sprechende Gemüse»

Thomas Pauli, Leiter der Abteilung Kultur, verrät, was es mit parlierenden Weinfässern und dem sprechenden Baum auf sich hat. Und was hinter dem neuen Thema «ganz Ohr» steckt und warum das Museum Aargau noch immer einen neuen Direktor sucht.

Merken
Drucken
Teilen
Thomas Pauli-Gabi (50), Leiter der Abteilung Kultur des Departements Bildung, Kultur und Sport auf der Schlossdomäne Wildegg, die zum Museum Aargau gehört. Interimistisch führt Thomas Pauli auch das Museum Aargau.

Thomas Pauli-Gabi (50), Leiter der Abteilung Kultur des Departements Bildung, Kultur und Sport auf der Schlossdomäne Wildegg, die zum Museum Aargau gehört. Interimistisch führt Thomas Pauli auch das Museum Aargau.

Mario Heller

Wir sitzen im Hof der Schlossdomäne Wildegg. Hier hat sich Sophie von Erlach-Effinger seinerzeit ein malerisches kleines Haus erbauen lassen, als ihr das wuchtige Schloss mit den vielen Treppen zu streng geworden war. Die Frühlingssonne wärmt. Die Sicht ist klar. Wir sitzen also Kaffee trinkend vor dem Erlachhaus, das jetzt auch ein Bistro ist und geniessen den Moment. Fast will Ferienstimmung aufkommen. Doch da erinnert der pflichtbewusste Mann mit dem Kärcher daran, dass hier im wahrsten Sinne des Wortes mit Hochdruck gearbeitet wird. Denn am 1. April beginnt die neue Saison des Museums Aargau, diesmal zum Thema «Ganz Ohr». Begleitet vom Sound des unermüdlichen Kärcher-Mannes erzählt Thomas Pauli-Gabi, Leiter der Abteilung Kultur und zwischenzeitlich auch Direktor des Museums Aargau, warum es sich auch diese Saison lohnt, das Museum Aargau zu besuchen.

Herr Pauli, der Direktor des Museum Aargau hat seinen Arbeitsplatz hier auf Schloss Wildegg. Sicherlich einer der schönsten Arbeitsplätze im ganzen Kanton.

Thomas Pauli: Davon bin ich überzeugt.

Dennoch ist es bisher nicht gelungen, den Nachfolger für den nach Kanada ausgewanderten Jörn Wagenbach zu finden. Zahlt der Kanton so schlecht?

Es braucht auch ein bisschen Glück, dass zur richtigen Zeit die richtige Person zur Verfügung steht. Die Aufgabe ist anspruchsvoll, es gibt nicht viele Leute, die das Anforderungsprofil erfüllen und auch bereit sind, in den Aargau zu kommen. Manchmal braucht es auch ein bisschen Geduld.

Dann reicht es nicht, ein herausragender Historiker zu sein, um Direktor des Museum Aargau werden zu können?

Es braucht grosse Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Der oder die Neue muss Managementerfahrung mitbringen, muss führungsstark sein und strategisch arbeiten können – und er oder sie muss gut mit Menschen umgehen können. Während der Saison beschäftigt das Museum Aargau bis zu 180 Personen, viele mit kleinen Pensen. Dazu kommen noch rund 80 Museumsfreiwillige, die bei uns für die Besucher im Einsatz sind. Das ist eine anspruchsvolle Führungsaufgabe an sechs Standorten.

Im grossen Gedenkjahr 2015 hatte das Museum Aargau erstmals seit Jahren einen leichten Publikumsrückgang zu verzeichnen. Was lief da schief?

Das ist richtig. Seit 2008 hatten wir jedes Jahr mehr Besucher im Museum Aargau. Aber es war klar, dass das nicht unbeschränkt so weitergehen kann. Wir haben jetzt rund eine Viertelmillion Besucherinnen und Besucher in den sieben Monaten von April bis Oktober. Ich denke, die Zahl wird sich in diesem Bereich einpendeln, zumal ja auch das Museum Aargau sparen muss und die Ressourcen gekürzt worden sind.

Was sind die Gründe für den Rückgang?

2015 brachte einen heissen Sommer, da war vielleicht die Badi vielen näher als der Ausstellungsbesuch im Schloss. Klar erwiesen ist, dass deutlich weniger Besucher aus dem Ausland gekommen sind. Unsere Angebote wurden aber auch weniger von Firmen gebucht als in andern Jahren. Man spürt da die angespannte Situation in der Wirtschaft. Schliesslich war im Gedenkjahr 2015 im Aargau auch sonst kulturell viel los, dass es sicherlich auch eine gewisse gegenseitige Konkurrenzierung der Angebote gegeben hat. Aber wie schon gesagt: Wir sind immer noch sehr zufrieden!

Wer kommt ins Museum Aargau?

Die Aargauer möchte man meinen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn nur 44 Prozent der Besucherinnen und Besucher stammen aus dem Aargau. Die Mehrzahl reist aus der übrigen Schweiz oder dem Ausland an. Die Ausstrahlung des Museum Aargau hat also nationales Niveau erreicht. Treue Besucher sind die Zürcher, sie stellen jeweils zwischen 18 und 20 Prozent aller Besucher in einer Saison.

Das Thema der neuen Saison im Museum Aargau, die am 1. April losgeht, lautet «Ganz Ohr». Was dürfen wir erwarten?

Wir wollen sinnliche Geschichtserlebnisse an historischen Schauplätzen vermitteln. Das ist ein Grundanliegen des Museum Aargau. Diese Saison legen wir den Fokus auf das Ohr. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, unbekannte Hörererlebnisse zu entdecken, aber auch Altbekanntes neu zu erleben. Wir laden ein zu «Kino im Kopf», zu klingenden Entdeckungen.

Das ist spannend und ich bin zwar ganz Ohr, aber kann mir noch nichts Konkretes vorstellen.

Hier auf der Wildegg werden die alten Weinfässer im Schlosskeller miteinander parlieren. Im Gemüsegarten bei den seltenen Pflanzen werden rar gewordene fast schon ausgestorbene Geräusche zu hören sein. Oder auf der Lenzburg wird der alte Trompetenbaum im Schlosshof zum sprechenden Baum und von vergangenen Zeiten erzählen. Zur Eröffnungsmatinée in der Klosterkirche Königsfelden erklingen römische Flöten, wie sie vor 2000 Jahren in Vindonissa gespielt wurden. Dort ist auch das älteste Musikinstrument aus dem Aargau zu sehen, eine Flöte aus afrikanischem Ebenholz, gefunden im Schutthügel des Legionslagers.

Das tönt jetzt tatsächlich ein bisschen unspektakulär und zugleich erscheint es mir kühn: Dass Sie es in unserer visuell geprägten Zeit wagen wollen, die Besucher über Geschichten, Geräusche und Klänge zu erreichen.

Wir wissen vom Legionärspfad her, dass Hörerlebnisse bei den Besuchern sehr gut ankommen. Eine Geschichte am authentischen Ort zu hören und dabei zu erleben, wie sie ganz eigene Bilder auslöst, das Abtauchen in die sich öffnende Bilderwelt, das ist doch spannend und interessiert. Ich glaube auch, dass wir da sogar einem Gegentrend folgen: unaufgeregte, sinnliche Geschichtsvermittlung.

Worauf freut sich der Chef besonders?

Ich freue mich auf die vielen Klänge. Ich bin gespannt, wie das sprechende Gemüse tönt, auf die Geräusche aus dem Verlies in Hallwyl und es nimmt mich wunder, wie die Stille in der Klosterkirche Königsfelden von den Klangkünstlern erfahrbar gemacht wird.

Apropos Stille: Neu bietet das Museum Aargau auch Kindergeburtstage auf dem Schloss an. Muss das sein?

Kindergeburtstagsfeiern auf dem Schloss entsprechen einem grossen Bedürfnis. Künftig gibt es dazu ein Angebot mit Vermittlungsprogramm und anschliessendem Kuchenessen im Schlosskafi. Für uns ist das kein grosser Aufwand und für die Kinder gehen damit Geburi-Wünsche in Erfüllung, einmal Prinzessin oder Ritter auf dem Schloss zu sein.

Dann versuchen Sie also, auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Besucherinnen und Besucher einzugehen?

Ja, natürlich nur soweit es sich mit unserem kulturellen Auftrag vereinbaren lässt. Im 2012 haben wir zum Beispiel «Ladies First»- Veranstaltungen nur für Frauen angeboten. Was als einmaliges Angebot gedacht war, fand so grossen Anklang, dass wir seither jedes Jahr solche Anlässe veranstalten. Die Referate über Geschichte und damit verbundene Gegenwartsthemen nur für Frauen sind regelmässig ausgebucht.

Zum Schluss: Sagen Sie uns in einem Satz, warum die Aargauerinnen und Aargauer speziell in dieser Saison das Museum Aargau besuchen sollen.

Sie kommen in den Genuss einzigartiger Hörererfahrungen und erleben im Schloss, im Kloster und auf dem Legionärspfad vielfältig