Schweizerdeutsch-Pflicht
Mundart-Kurse für Kindergärtnerinnen sind bisher ein Flop

Bald ist Schweizerdeutsch Pflicht für die Lehrpersonen an den Aargauer Kindergärten. Doch die Nachfrage nach Lern-Angeboten blieb bisher aus.

Manuel Bühlmann
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In Aargauer Kindergärten – wie hier in Wohlen – soll künftig Schweizerdeutsch Unterrichtssprache sein.

In Aargauer Kindergärten – wie hier in Wohlen – soll künftig Schweizerdeutsch Unterrichtssprache sein.

Chris Iseli

Die Geschäftsidee leuchtet ein: «Schweizerdeutsch für Kindergärtnerinnen. Kurse erteilt von erfahrenem Mittelschullehrer», verspricht das jüngst veröffentlichte Inserat. Bis Ende 2018 bleibt den Kindergärtnerinnen im Aargau Zeit, um Mundart zu lernen. Wer bis dahin nicht über die «erforderlichen Fachkompetenzen für das Unterrichten in Mundart verfügt», verliert den Job. So schreibt es die Regierung in der Botschaft zur Umsetzung der Mundartinitiative, die das Aargauer Stimmvolk im letzten Jahr angenommen hat.

Ansporn genug, um die Schulbank zu drücken – könnte man meinen. Doch der Ansturm auf den angebotenen Sprachkurs bleibt aus. Hinter dem Inserat steckt Daniel Forrer aus Widen. Der Geografielehrer hat die politische Debatte mitverfolgt und dabei ein neues Geschäftsfeld entdeckt. Doch gefragt ist das Angebot noch nicht: «Bis jetzt hat sich keine Kindergärtnerin bei mir gemeldet.»

Zahl der Betroffenen im Dunkeln

Eine Nachfrage beim Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband, der sich auch für die Interessen der Kindergärtnerinnen einsetzt, zeigt: Kein Mitglied hat sich aufgrund der neuen Mundartvorgabe gemeldet, niemand hat sich wegen Kursen erkundigt. «Wir sehen deshalb zurzeit keinen Handlungsbedarf», sagt Martina Bless, Co-Präsidentin der Fraktion Kindergarten.

Wie viele der knapp 2500 Kindergärtnerinnen im Aargau von der neuen Regelung betroffen sein könnten, ist nicht bekannt. Beim Kanton ist lediglich erfasst, dass 108 einen ausländischen Pass haben – über die Hälfte davon einen deutschen. Über die Mundartkenntnisse sagt dies allerdings nichts aus. Ob der Kanton allenfalls Kurse anbieten wird, ist noch offen. «Dies hängt vom Ausmass des noch zu klärenden Bedarfs ab», sagt Simone Strub, Sprecherin des Bildungsdepartements. Die Vernehmlassung habe zu «keinen expliziten Rückmeldungen» geführt.

Künftig wird bei der Anstellung neuer Kindergärtnerinnen ein weiteres Kriterium zu berücksichtigen sein: die Mundart-Kenntnisse. Und das, obwohl die Lage auf dem Arbeitsmarkt ohnehin schon angespannt ist. Aus der Not heraus müssen zuweilen Personen ohne die entsprechende Ausbildung eingestellt werden – etwa Kleinkinderzieherinnen.

Kein entscheidendes Kriterium

«Die Schulleiter werden Kompromisse machen müssen. Nur wegen der Mundart können wir nicht einfach Stellen unbesetzt lassen», sagt Philipp Grolimund, Co-Präsident des Verbands der Aargauer Schulleiter. «Ich glaube nicht, dass die neue Regelung die Welt gross verändern wird. Niemand entlässt eine gute Kindergärtnerin, nur weil ihre Mundartkompetenz noch ungenügend ist.» Das werde nicht das entscheidende Kriterium sein, ein pragmatisches Vorgehen sei in dieser Frage nötig. Es müsse auch möglich sein, dass jemand die erforderlichen Sprachkenntnisse nach der Anstellung in Kursen erwerben könne.

Initiant René Kunz glaubt nicht, dass seine Mundartinitiative die Suche nach geeignetem Personal erschwert: «Wir müssen ihnen einen anständigen Lohn zahlen, dann lässt sich das Problem lösen.» Kunz spricht sich gegen Entlassungen aus, erwartet aber von den Kindergärtnerinnen die Bereitschaft, Mundart zu lernen. «Wer das nicht will, ist fehl am Platz.»

Im Kanton Zürich, wo Mundart im Kindergarten Unterrichtssprache ist (eine entsprechende Initiative nahmen die Zürcher 2011 an), kam es wegen mangelnder Kenntnisse zu keinen Entlassungen. Die Thematik habe «keine grosse Bedeutung», heisst es beim Zürcher Volksschulamt.

Daniel Forrer, der mit seiner Firma «Sprachkurse Panorama» auf einem neuen Gebiet starten möchte, gibt seine Hoffnung noch nicht auf, Kindergärtnerinnen für seinen Kurs zu gewinnen. «Wenn sich die erste Person anmeldet, zieht dies vielleicht noch weitere Teilnehmer an.»

Dass Schweizerdeutsch-Kurse durchaus populär sind, zeigen jene der Migros-Klubschule. Jedes Jahr nehmen im Aargau rund 75 Personen daran teil. Ob sich unter ihnen auch Kindergärtnerinnen finden, ist nicht bekannt – die Berufe der Teilnehmenden werden nicht erfasst.