Welche Geschichte es zuerst zu erzählen gilt, wenn wir berichten wollen, dass auf Schloss Liebegg eine attraktive Konzertreihe unter dem Titel «Mozarts letztes Schloss» stattfindet, ist nicht ganz klar.

Die Spuren führen in geheimnisvolle Freimaurer-Logen, verlieren sich in Briefen, die Konstanze Mozart nach dem Tod ihres Ehemanns Wolfgang Amadeus vernichtet oder anonymisiert hat, und gehen auf in Legenden, die ein hocheleganter wie eloquenter österreichischer Schlossherr zu einem bunten Strauss der Liebe flicht.

Plagiatsbetrug aus Liebe?

Der Schlossherr heisst Reinhard Zellinger, zusammen mit seiner Schweizer Frau Rita bewohnt er Schloss Stuppach, das 70 Kilometer ausserhalb von Wien liegt. Mit viel Geld, Leidenschaft und Ausdauer haben sie es in den letzten Jahren restauriert, ein Bijou erschaffen. Unter dem Titel «Mozart letztes Schloss» finden dort regelmässig Konzerte statt.

Das Schloss war in Mozarts Leben insofern ein kleiner Nebenschauplatz, als dort einst Graf Walsegg (1763 bis 1827) wohnte. Der Graf war nichts weniger als der geheimnisvolle Auftraggeber von Mozarts letztem Werk, dem unvollendeten Requiem, (s)ein grauer Bote (heute identifiziert als Franz Anton Leitgeb) hatte die Messe direkt bei Mozart bestellt. Graf Walsegg führte das Werk schliesslich im Gedenken an seine verstorbene Frau am 14. Dezember 1793 im Neukloster in Wiener Neustadt auf, später, am 14. Februar 1794, dem dritten Todestag der Gräfin, in der Patronatskirche des Grafen am Semmering. Ob auf dem Schloss selbst eine Aufführung in Kammerformation stattfand, ist nicht sicher: Zellinger jedenfalls führte das Werk im Februar 1997 dort auf.

Gerechtigkeit für einen Grafen

Walsegg wurde von der Mozart-Forschung schlecht behandelt, bisweilen gar verspottet, da er auf seinem Schloss Werke anderer Komponisten unter eigenem Namen aufführte – auch Mozarts «Requiem». Zellinger kann nicht bestreiten, dass der Graf über Mozarts «Requiem» seinen eigenen Namen schrieb. Es sei aber oft keine Böswilligkeit hinter seinen Autorschaftsschwindeleien gestanden, sondern er habe sich vielmehr bloss einen Spass mit seinen Zuhörern und Musikern erlaubt. Diese sollten erraten, wer der wahre Komponist der Werke sei. Da sich der schwerreiche Industrielle diese Scherze öfters erlaubte, immer neue Werke bestellte, erkennt Zellinger im Grafen keinen Scharlatan, sondern einen grossen Musikförderer.

Wie auch immer: Interessanter werden die Mutmassungen Zellingers, wenn es um die Beziehung von Mozart und Walsegg geht. Zellinger will wissen, dass Mozart den Ex-Freimaurer Walsegg via Wiener Loge beziehungsweise via des Palais Walsegg, wo sein Förderer und Logenbruder Puchberg eine Wohnung hatte, gekannt haben soll. Und so soll denn Mozart gewusst haben, wer ihm den Auftrag fürs Requiem gegeben hatte – verschwundene Briefe, deren Existenz Konstanze Jahre nach Mozarts Tod bestätigte, würden davon zeugen. Zellinger geht so weit, zu behaupten, Mozart sei ein so guter Freund Walseggs gewesen, dass er mehrmals auf Schloss Stuppach zu Besuch geweilt habe. Zumindest lasse sich nicht das Gegenteil behaupten...

Diese Aussage aus einem umfangreichen Buch «Mozarts letztes Schloss» zeigt am deutlichsten, dass es Zellinger darum geht, alte Legenden durch neue zu ersetzen. Das eigene Schloss kann er so näher zu Mozart rücken lassen, damit seine Konzerte eine noch mystischere und aufgeladenere Aura erhalten.

Geografische Grosszügigkeit

Mit Erfolg! Was für Schloss Stuppach seit 2003 zu funktionieren scheint – jeden Monat gibt es dort Konzerte – soll nun auch für Dependancen gelten – für das aargauische Schloss Liebegg etwa. Wer geografisch grosszügig ist, kann das Schloss an den «Schweizer Mozartweg» legen, den die Familie Mozart 1766 von Genf nach Schaffhausen abschritt.

Vollmundig wird der nächste Liebegger Gastsolist als Starbariton angekündigt: Sebastian Holecek ist durchaus ein guter Bariton – die Bezeichnung «Star» dagegen scheint etwas gar hochgegriffen. Normale Konzerte sind es aber sowieso nicht, sondern eben «Classics Events». In den stolzen Kartenpreisen (75 bis 170 Franken) inbegriffen sind ein Apéro riche, ein Shuttle-Service, Schlosshappen in der Pause und nach dem Konzert, Getränke, Weindegustation – und viele Legenden.

Nächstes Konzert Schloss Liebegg: Figaro trifft Fidelio. Sebastian Holecek(Mozart, Beethoven). 18. Mai, 19.30 Uhr, Einlass 18 Uhr. Siehe: www. festissimo.ch