Neun Jahre ist es her, dass Kris V. aus Mellingen in Sessa TI die 17-jährige Boi umgebracht hat. Er erschlug das vietnamesische Mädchen mit einem Holzhammer. Der Grund: Boi habe ihn genervt, weil sie während des Spaziergangs im Wald zu viel geredet habe. Erst im Juni 2010 fand ein Wanderer die Überreste von Boi und der Fall wurde aufgeklärt.

Nun ist Kris V. wieder auf freiem Fuss. Das Familiengericht Baden hat die fürsorgerische Unterbringung des aus Mellingen stammenden Mörders aufgehoben und ihn aus der Justizvollzugsanstalt Lenzburg entlassen.

Der Entscheid sei mit strengen Auflagen verbunden, wie das Gericht in seiner Mitteilung vom Freitag schreibt. So müsse Kris V. seine psychotherapeutische Behandlung fortführen. Ausserdem werde der heute 25-Jährige durch einen Beistand weiterhin betreut.

«Nur noch geringes Risiko»

Das Familiengericht begründet seinen Entscheid mit den von Kris V. erzielten Therapiefortschritten. Diese würden ihm ein «nur noch geringes Gefährdungsrisiko gegenüber Dritten» attestieren.

Nicole Payllier, Leiterin Kommunikation der Gerichte Kanton Aargau, erklärt auf Anfrage der AZ: «Das Risiko erneuter Delikte ist derart gering, dass eine fürsorgerische Unterbringung von Gesetzes wegen nicht mehr gerechtfertigt ist.»

Weitere Fragen zum Entscheid – etwa Details zu den Therapiefortschritten von Kris V. oder zu Art und Umfang seines betreuenden Beistands – beantwortet die Gerichtssprecherin nicht. Familienrechtliche Verfahren seien von Gesetzes wegen nicht öffentlich.

Kris V. wurde 2013 zu vier Jahren Haft und zu einer geschlossenen Unterbringung verurteilt – die Höchststrafe im Jugendrecht. Im Frühling 2015 wurde er auf Antrag der Jugendanwaltschaft fürsorgerisch untergebracht.

Schwere Störung attestiert

Dass Kris V. aus der fürsorgerischen Unterbringung entlassen wird, kommt überraschend. Schliesslich wurde diese Massnahme erst im Februar 2016 vor Verwaltungsgericht neu behandelt, nachdem sich Kris V. bis vor Bundesgericht dagegen gewehrt hatte.

Das Gericht stützte sich in seinem Urteil damals auf ein Gutachten der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Dieses attestierte Kris V. eine schwere psychische Störung, die nur durch intensive und langfristige Psychotherapie zu behandeln sei. Das Gericht kam daher zum Schluss, dass die Voraussetzungen für die fürsorgerische Unterbringung nach wie vor erfüllt sind.

Nur wenige Wochen nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts flüchtete Kris V. aus der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik Königsfelden. Geschnappt wurde er nach knapp einer Woche von der deutschen Polizei in der Nähe von Stuttgart. Daraufhin wurde Kris V. in die Justizvollzugsanstalt Lenzburg gebracht.

Seine Mutter hatte ihm zur Flucht verholfen, indem sie ihm Werkzeuge beschafft hatte. Sie wurden deswegen wegen Fluchthilfe zu einer bedingten Geldstrafe und zu einer Busse verurteilt.

Experte erstaunt über rasche Therapiefortschritte

Auch Thomas Knecht, forensischer Psychiater, ist erstaunt über die schnellen Fortschritte, die Kris V. während seiner Therapie gemacht haben soll. Im Telefoninterview mit dem Regionalsender Tele M1 erklärt er: «Man kann in Therapien sehr gute Fortschritte erzielen. Wenn man aber innert zwei Jahren von einer maximalen Gefährlichkeit zu einer stark reduzierten Gefährlichkeit gelangen kann, die eine Entlassung ermöglicht, dann ist das eine therapeutische Spitzenleistung.»

Man rechne in der forensischen Therapie in der Regel mit grösseren Zeiträumen. Von Gesetzes Wegen her sei eine Zeitspanne von etwa fünf Jahren für solche Fälle vorgesehen. «Wenn man in zwei Jahren zu diesem Ziel kommen will», so Knecht, «dann ist das sehr ehrgeizig.» Dennoch glaubt er, dass gerade das junge Alter des Mörders dazu beitragen könne, dass sich seine Persönlichkeit rascher wieder normalisiere.   

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