Kirchenaustritte

Modernes Marketing: Kirche lockt mit Hochzeitsprämie und Opa-Kurs

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, das gilt auch für die Kirche.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, das gilt auch für die Kirche.

Die Reformierte Landkirche kämpft mit neuen Methoden, um Mitglieder bei der Stange zu halten. Im Fokus hat sie dabei die grosse Zahl der passiven Mitglieder. Denn bei diesen ist die Gefahr am grössten, dass sie der Kirche dereinst den Rücken kehren.

Wenn sich ein Paar von einem reformierten Pfarrer trauen lässt, bekommt es im Aargau dafür neuerdings eine Prämie. Die Kirche spendiert einen Gutschein im Wert von 200 Franken.

Einzulösen nicht in einem beliebigen Restaurant oder Warenhaus. Man kann dafür von einem der mannigfaltigen Angebote profitieren, welche die Kirche selbst im Programm hat, um eine Beziehung in Schwung zu halten: ein Kommunikationstraining zum Beispiel.

Die Idee ist ein Beispiel, wie die Kirchen mit neuen Methoden versuchen, die Verbindung zu ihren Mitgliedern zu stärken. Sie kämpfen seit langem mit Mitgliederschwund.

Zu Beginn der 1990er-Jahre waren 44 Prozent der Aargauer Bevölkerung römisch-katholisch, 42 Prozent gehörten der evangelisch-reformierten Kirche an und nur 6 Prozent waren konfessionslos. Heute sind es noch 36 Prozent Katholiken, weniger als 30 Prozent Reformierte und 20 Prozent Konfessionslose.

Der Trend scheint unaufhaltsam. Gestern gab die reformierte Kirche die Zahlen für 2013 bekannt: 2746 Austritte, 225 oder 9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Entwicklung will die reformierte Kirche jetzt mit Methoden des modernen Marketings begegnen. Frank Worbs, der Kommunikationsbeauftragte der reformierten Landeskirche, ist nämlich nicht nur Pfarrer, er hat auch eine Ausbildung zum Marketingleiter absolviert.

Kirche will stärkere «Touchpoints» bieten

Und so kommt es, dass heute im «Haus der Reformierten», dem Sitz der Kirchenverwaltung, schon mal von «Touchpoints» die Rede ist, wenn es um die Beziehungspflege in Kirchgemeinden geht.

Worbs ist treibende Kraft hinter dem Projekt «Lebenslang Mitglied bleiben». Die Bank gratuliert zum Geburtstag, die Garage erkundigt sich pünktlich ein Jahr nach dem Autokauf nach der Zufriedenheit. Da habe seine Kirche doch stärkere «Touchpoints» zu bieten: Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung.

Bei den vier Kasualien knüpft das Projekt an, das die Aargauer und die Zürcher Landeskirche gemeinsam mit einer Werbeagentur entwickeln. Sie sind Gelegenheiten, um regelmässig mit den Mitgliedern in Kontakt zu treten.

Das Problem sei, dass sich die Hälfte der Mitglieder schwach bis kaum mit der Kirche verbunden fühlt und die kirchlichen Angebote gar nicht bewusst wahrnimmt, so Worbs. Das erhöht die Gefahr, dass sie der Kirche früher oder später ganz den Rücken kehren. Diese grosse Zahl der passiven Mitglieder will man erreichen, ohne dass sie selber etwas dafür tun müssen.

Das Spezielle am Konzept: Es bleibt nicht beim Glückwunsch zum Geburtstag oder Gedenken an den Tod eines Elternteils stehen. Entsprechend dem Auftrag, den Menschen durch die Stationen seines Lebens zu begleiten, sollen die Massnahmen zur Pflege der Mitgliederbeziehungen möglichst individuell und auf verschiedene Lebensbereiche zugeschnitten sein.

Nicht nur der 25. Jahrestag der Konfirmation, auch ein Umzug oder die bevorstehende Pensionierung können Anknüpfungspunkte sein. Das Kirchenmitglied bekommt ein Kärtchen mit einem kleinen Präsent und vielleicht eine Einladung zu einem kirchlichen Anlass oder Informationen über Beratungsangebote.

Zu den – noch unausgegorenen – Ideen gehören Kurse für frischgebackene Grosseltern oder das Anlegen von Schrebergärten für die Mitglieder auf Kirchenarealen.

Bei möglichst auf die individuellen Lebensumstände zugeschnittenen Kontakten ist es nicht anders als bei der kommerziellen Kundenpflege: Informationen, Daten sind das A und O.

Die sind bei den Kirchen vorhanden, ohne dass es deswegen Probleme mit dem Datenschutz geben würde: Zivilstandsänderungen, Taufdatum oder Trauspruch, Todestag der Eltern etc. Das Problem ist: Sie gehen zum Teil verloren, wenn jemand in eine andere Kirchgemeinde zieht.

Deshalb gibt es bereits eine neue Idee: eine zentrale Mitgliederdatenbank. Man wolle die Diskussion darüber anstossen, sagt Frank Worbs. Eine kantonale Landeskirche allein könne ein solches Projekt aber schon rein finanziell nicht stemmen, das müsste gesamtschweizerisch angepackt werden.

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