Im Frühjahr 1918 verlässt Luigi Civatti seine Familie in Riva San Vitale, um als Brückenbauer irgendwo jenseits des Gotthards Arbeit zu finden. Diesmal nimmt er seinen ältesten Sohn Armoniglio mit, der ihn als Maurer unterstützen soll. Mutter Rosalia bleibt zurück mit den Kindern Amelia, Gioacinto, Andrea und Rita. Mit Luigi und Armoniglio verlassen Dutzende von weiteren Männern das Dorf. Sie werden erst gegen den Winter hin zurückkommen. Die Frauen sind mit den Kindern allein, müssen selber schauen, wie sie die Zeit ohne Männer und ohne Einkommen überstehen.

Die tiefgläubige Rosalia besucht jeden Morgen um sechs Uhr die Frühmesse, wo sie auch die anderen Frauen antrifft. Sie erzieht die Kinder, kocht aus Leidenschaft, besorgt Rebberg, Garten und Vieh, züchtet Seidenraupen, schickt die Buben zum Fischen im See. Sie verdient kaum Geld – und doch reicht es immer irgendwie. Sie weiss, dass Luigi und Armoniglio in Aarau Arbeit gefunden haben, Kontakt zu ihnen aber hat sie nicht.

Rosalia will nicht weichen

Wahrscheinlich war es ein Bähnler aus Chiasso, der ihr im Herbst 1918 die schlimme Nachricht überbracht hat: Vater und Sohn sind an der Spanischen Grippe erkrankt und liegen in Aarau im Spital. Da kauft sich Rosalia Cevatti, geborene Ferrari, zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bahnbillett, steigt in den Zug und fährt in den Aargau. In ihrem Gepäck befinden sich ein grosser Kessel, gefüllt mit Borlotti-Bohnen aus eigenem Anbau, Salami (selbst gekocht), ein schwerer Steinguttopf mit «Pesce in Carpione» (gebratene Fische, eingelegt in Gemüse in Rotwein und Weinessig) und drei Chiantiflaschen, gefüllt mit Merlot aus ihrem Rebberg.

Als Rosalia Civatti in Aarau ankommt, hat der Regierungsrat den Ausnahmezustand verhängt. Alle Volks- und Tanzfeste, sämtliche Vereinszusammenkünfte, Kino- und Theateraufführungen sind untersagt. Zudem ist der Schulbetrieb eingeschränkt und die Gottesdienste fallen aus. Die Spanische Grippe grassiert. 750 Menschen werden im Aargau an der Krankheit sterben.

Rosalia Civatti schleppt sich mit ihrem Gepäck vom Bahnhof ins Kantonsspital, fragt sich nach Mann und Sohn durch und findet beide, Bett an Bett liegend, lebend. Sie richtet sich im Spitalzimmer häuslich ein und beginnt, die beiden zu pflegen. Essen sollen sie wie zu Hause. Und vor allem trinken.

«Dovete bere» lautet ihr unerbittlicher Befehl. Zwei Liter Merlot pro Tag und Person. Sie duldet keinen Widerspruch. Luigi und Armoniglio gehorchen ihr, wie sie ihr immer gehorchen. Rosalia weigert sich, das Spitalzimmer zu verlassen. Sie achtet nicht darauf, was Ärzte und Personal sagen; sie versteht ja auch die Sprache nicht. Sie sitzt unverrückbar da wie ein General. Man will sie verjagen, lässt sie aber schliesslich gewähren.

Rosalia macht sich Vorwürfe

So essen Luigi und Armoniglio heimische «Pesce in Carpione» und trinken Merlot. Tagelang liegen sie vom Wein berauscht in ihren Betten. Sie schlafen viel, das Fieber geht allmählich zurück.

Leider nimmt die Geschichte kein gutes Ende. Luigi Civatti überlebte die Epidemie, doch Sohn Armoniglio starb noch im Spital. Rosalia machte sich danach zeitlebens Vorwürfe, weil sie sich nicht besser um ihren Erstgeborenen gekümmert habe.