Wasserkraft
Mit weniger Wasser: Flüsse liefern Strom für zusätzlich 50'000 Haushalte

Aare, Limmat, Reuss und Rhein liefern normalerweise Energie für eine Million Haushalte. Im letzten Jahr konnte die Produktion gesteigert werden – obwohl in den meisten Flüssen weniger Wasser floss. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

Hans Lüthi
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Das Kraftwerk Rheinfelden hat trotz weniger Wasser mehr Strom produziert.

Das Kraftwerk Rheinfelden hat trotz weniger Wasser mehr Strom produziert.

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Der Aargau ist das Wasserschloss der Schweiz schlechthin, rund zwei Drittel der Fläche werden via Aare und Rhein entwässert. Aus fast allen Kantonen fliesst Wasser hierhin, selbst aus dem Tessin – von jenen Seen auf dem Gotthardpass, die nördlich zur Reuss abfliessen. Normal liefern die vier Flüsse Strom für eine Million Haushalte, im letzten Jahr zusätzlich für 50 000 Haushaltungen. Zum guten Ergebnis hat der verregnete Sommer zwar beigetragen, der auf einen zu trockenen Frühling folgte. Aber nur in der Aare floss mit 102 Prozent etwas mehr Wasser als üblich, der Rhein blieb mit 96 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.

105 Prozent des Mittelwerts

Dennoch erreichte die Stromproduktion in den 28 Kraftwerken an den vier grossen Aargauer Flüssen im letzten Jahr 105 Prozent des zehnjährigen Mittels. Konkret sind das 5469 Gigawattstunden (GWh) Elektrizität aus einheimischer Wasserkraft. «Ein gutes Jahr, auch wenn die Spitzenjahre zuvor nicht erreicht werden konnten», kommentiert Projektleiter Simon Werne von der Abteilung Landschaft und Gewässer im Departement BVU.

Zum Vergleich: 2013 lag um 13 Prozent und 2012 sogar um 18,7 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt. Im Jahr 2011 erreicht der Aargau hingegen nur auf klägliche 87 Prozent Wasserstrom. «Gemessen wird das am durchschnittlichen Jahresverbrauch von 4500 bis 5000 Kilowattstunden (kWh) für einen Vier-Personen-Haushalt», erklärt Simon Werne. Nur der Juli habe leicht erhöhte Werte gebracht, Starkregen und Gewitter aber seien lokal beschränkt aufgetreten.

Einfluss von Spezialfällen

Das Ergebnis ist durch eine ganze Anzahl Spezialfälle deutlich beeinflusst worden, die sich nicht nur positiv ausgewirkt haben. Das Kraftwerk Rüchlig in Aarau erreichte mit nur 58 Prozent einen extrem tiefen Wert. Aber nach Jahren des Neubaus ist der Start in die Energiezukunft geglückt: «Die neuen Turbinen wurden erst ab Frühling nacheinander in Betrieb genommen», betont Werne. Der Grund ist klar: Das Kraftwerk ist im August 2007 beim grössten Aare-Hochwasser zerstört worden, die Axpo musste in den Neubau rund 130 Millionen Franken investieren.

In der Limmat kam es im Kraftwerk Stroppel zum Stillstand und Teilbetrieb im ersten Halbjahr, im Kraftwerk Öderlin ist eine Turbine komplett ausgefallen und wird im April dieses Jahres ersetzt. Positiv ist die Bilanz im Kappelerhof, seit dem Neubau im Jahr 2006.

Keine Abschaltungen geplant

Die wegen der massiven Förderung von Solar- und Windstrom in Deutschland europaweit extrem tiefen Strompreise wirken sich für die Wasserkraft wirtschaftlich sehr negativ aus. An Neubauten, wie sie in Beznau und Klingnau möglich wären, hat derzeit niemand ein Interesse. Die Befürchtung von Abschaltungen zerstreut Projektleiter Werne: «Das käme nur in Ausnahmefällen infrage», betont er. Vor Jahresfrist kam das Thema auf, weil die Hälfte des Stroms im Grenzfluss Rhein den deutschen Nachbarn gehört.

Von den an allen vier Flüssen erzeugten 5469 Gigawattstunden Strom stehen dem Aargau 3135 Gigawattstunden oder rund 57 Prozent zu. Innerhalb des Kantons ist der Anteil 100 Prozent, beim Rhein sind es 50 Prozent. In den Grenzgebieten zu Solothurn, Luzern und Zürich kommen auch diese Kantone in den Genuss von Wasserstrom.