Suure, tullu, zäne, läätsche, mööge, pflänne, plääre, gelle, gleie, chrääje, bääge, briegge, hiile, grine oder brüele – der Schweizerdeutsche Wortschatz ist vielfältig und kennt zahlreiche Ausdrücke für «weinen». Was bedeutet denn «Brüel» in der Namenlandschaft?

Wird da besonders viel geweint? Oder ist ein Mattland, das Brüelmatt heisst, so wenig ertragreich und für den Besitzer somit «zum Weinen»? Isabelle Buholzer fragt nach dem Namen Brüel in Gebenstorf und Victor Rüetschi nach der Brüelmatte in Suhr.

Mattland am Wasser

Das schweizerdeutsche Wort Brüel bezeichnet eine Dorfwiese oder eine Wässerwiese und meint ein in der Niederung, an einem Bach oder Fluss gelegenes, wasserreiches Wiesengelände. Das bedeutet aber nicht, dass es sich hierbei um ein Tränenmeer handelt. Im Gegenteil – das Wort «Brüel» geht auf lateinisch «brogilus» zurück, das eingehegtes Gehölz meint. «Brüel» in Gebenstorf und die Brüelmatte in Suhr liegen auch tatsächlich am Wasser. Brüel inGebenstorf direkt an der Reuss und die Brüelmatte in Suhr an der Suhre. Mit «weinen» hat das Wort also nicht zu tun; «brüele» gehört wie die oben genannten Varianten zu den lautmalerischen Ausdrücken.

Im Alltag verwenden wir häufig lautmalerische Bezeichnungen wie etwa «klirren», «zischen» oder «knallen», mit diesen wir den Klang von Alltagsgeräuschen nachbilden. Das Gleiche gilt für die Nachahmung von Tierlauten, wie etwa «Kikeriki» (für den Hahnschrei) oder «Wau Wau» (für einen Hund). Mit «brüele, gelle oder hiile» ist deshalb auch nicht das stille Weinen, sondern ein lautes, brüllendes (brüele), gellendes (gelle) oder heulendes (hiile) Weinen gemeint. 

Von der Dreizelgenwirtschaft

Isabelle Buholzer fragte ebenso, was denn ein Zelgli ist. Das sei wohl ein Acker, vermutete sie. Richtig! Die landwirtschaftliche Nutzung hat viele Flurnamen motiviert. Zelgnamen, wie das «Zelgli» in Gebenstorf, Hirschthal oder Küttigen stammen aus der Zeit der Dreizelgenwirtschaft, welche die Fruchtfolge regelte und den Ackerbau zwischen dem Hoch- mittelalter und dem 19. Jahrhundert in der Schweiz bestimmte. Die gesamte Ackerfläche einer Dorfgemeinschaft wurde dabei in drei Stücke (Zelgen) aufgeteilt, die im gleichen Rhythmus bebaut wurden. Im ersten Jahr trug die erste Zelge Wintergetreide (wie Dinkel oder Roggen), die zweite Zelge Sommergetreide (wie Gerste oder Hafer) und die dritte Zelge lag brach. Der Anbaumodus wechselte jedes Jahr, sodass eine Übernutzung des Bodens vermieden werden konnte. Landstücke, die vom sogenannten Flurzwang ausgenommen waren, wurden Ischlag genannt. Mit Ischlag wird ein eingezäuntes Landstück bezeichnet. Ischlag-Namen finden sich zahlreiche im Aargau: Etwa der Eichliischlag in Suhr, der Pfauenischlag in Aarau oder der Schlotterischlag in Elfingen.

Die Bünte meint ebenfalls ein eingehegtes, privat genutztes Grundstück oder eine eingezäunte Wiese, meist in der Nähe der Häuser. Land, das ausserhalb der Zelgen lag, war in der Regel im Besitz der Gemeinde und unterlag genauen Nutzungsbestimmungen. Dieses Land wurde als Allmend bezeichnet. Das Wort stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet «gemeinsamer Grund» und meint den ungeteilten und gemeinsam genutzten Besitz des Dorfs an Weide und Wald.

Da sich die Allmend oft über mehrere Fluren im Gemeindebann erstreckte, ging das Wort nach der Überführung von Land aus dem Gemeindebesitz in Privateigentum der Bauern vielerorts verloren. Ähnlich verhält es sich mit dem Namen Bifang, der im landwirtschaftlichen Sprachgebrauch ein aus der Allmend ausgeschiedenes und durch Hecken und Zäune eingefriedetes Stück Acker- oder Mattland bezeichnet. Nachweinen muss man dem Namen jedoch nicht, denn der konnte sich als Flurname zahlreich im Aargau erhalten.