Es ist der Albtraum eines jeden Autofahrers: Einen Augenblick nicht aufgepasst und schon kracht es. An einem Abend im Juni 2015 wird das Horrorszenario für einen Türken aus dem Kanton Aargau zur Realität. Auf der Autobahn A3 bei Scherz übersieht er die Tafel, die eine Temporeduktion von 80 auf 60 Stundenkilometer ankündigt. Als das Auto vor ihm abbremst, kracht der heute 40-Jährige in dessen Heck.

Glück im Unglück: Verletzt wird beim Auffahrunfall niemand, es bleibt bei einem Sachschaden von rund 8600 Franken. Doch juristisch hat der Vorfall ein Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand.

Der Vorwurf: Der Beschuldigte sei nach nur zwei Stunden Schlaf in der Nacht zuvor am Abend übermüdet ins Auto gestiegen und habe deshalb den Unfall verursacht. Das Bezirksgericht Brugg spricht ihn daraufhin schuldig und verurteilt ihn zu 480 Stunden gemeinnütziger Arbeit statt zu einer unbedingten Geldstrafe.

Der Fehler mit dem Rückspiegel

Damit gibt sich der Unfallverursacher allerdings nicht zufrieden, er legt Berufung ein und erscheint am Dienstagnachmittag vor dem Obergericht. «Ich war nicht übermüdet», betont der Beschuldigte während der Befragung. Er sei ganz normal gefahren, habe Radio gehört und sich absolut fit gefühlt. «Ich fahre gerne Auto, das tut mir gut.» Sein Fehler sei gewesen, dass er zu lange in den Rückspiegel geschaut habe, weil das Fahrzeug hinter ihm zu nahe aufgefahren sei, erklärt der Türke wortgewaltig und gestikulierend. Deshalb habe er die Temporeduk-tion übersehen. «Da haben Sie recht», antwortet er auf die Frage des Oberrichters, ob er denn nicht trotzdem nach vorne hätte schauen müssen. Angesprochen auf den kurzen Schlaf in der Nacht vor dem Unfall, erklärt der Beschuldigte, er habe in den beiden Tagen zuvor wegen einer Migräneattacke derart viel geschlafen, dass er nicht mehr müde gewesen und schon am frühen Morgen ohne Wecker wieder aufgewacht sei.

«Die Indizien sprechen gegen eine Übermüdung», sagt auch sein Verteidiger und erinnert an die Schilderung jenes Autofahrers, der unmittelbar hinter dem Unfallverursacher gefahren war. Dieser sagte aus, er habe nichts Spezielles am Fahrstil beobachtet. Wer übermüdet am Steuer sitze, falle jedoch meist auf, indem er Mühe habe, die Linie oder das Tempo zu halten. Davon sei in den Zeugenaussagen aber nie die Rede gewesen. Und auch die Polizisten hätten in ihrem Rapport keine Müdigkeitssymptome beschrieben.

Der Verteidiger fordert einen Freispruch in Bezug auf die Übermüdung. Sein Mandant gestehe ein, dass er zu sehr auf das Auto hinter ihm geachtet habe. Ein allfälliger Schuldspruch könne aber höchstens wegen mangelnder Aufmerksamkeit erfolgen, sagt sein Anwalt und fügt an, der Unfall sei der Rubrik «dumm gelaufen» zuzuordnen. Er beantragt, die vom Bezirksgericht Brugg verhängte Strafe aufzuheben und stattdessen eine Übertretungsbusse von 400 Franken auszusprechen. Die Staatsanwaltschaft erscheint nicht vor Gericht.

Der Beschuldigte lebt derzeit von einer IV-Rente. Weil sich sein Mandant in der Phase der Wiedereingliederung befinde, sei er nicht in der Lage, gemeinnützige Arbeit zu leisten, hält der Verteidiger für den Fall fest, dass das Obergericht doch den erstinstanzlichen Entscheid bestätigen sollte.

Doch so weit kommt es nicht. Nach einer kurzen Beratung verkündet das Gericht sein Urteil: Einen Schuldspruch wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit und eine Busse von 400 Franken. Vom Vorwurf des Fahrens in fahrunfähigem Zustand wird der Unfallverursacher freigesprochen. Für einen Schuldspruch wegen Übermüdung seien schlicht nicht genügend Beweise vorhanden, begründet Oberrichter Robert Fedier den Entscheid.