Halbmarathon

Mit Maskenpflicht und Schutzauflagen: Das war kein ganz gewöhnlicher Hallwilerseelauf

Lange hatten die Organisatoren gebangt, bis klar war: Der 46. Hallwilerseelauf darf stattfinden. Über 3000 Läuferinnen und Läufer sind gekommen, trotz ­Maskenpflicht und hohen Schutzauflagen. Ein Besuch beim Halbmarathon.

Ein letzter Schluck aus der Isostar-­Pulle. Harndrang, Toi Toi, Wasserlassen. ­Strecken, Dehnen, Ächzen. Es riecht nach Aufregung, Vorfreude und ­Perskindol. Menschen schälen Bananen und sich selbst aus der Trainerhose. Man sieht trainierte, schlanke und breite Körper. X-Beine und O-Beine. Bunte Jacken und enge Shorts. Einer hat sich einen Kalauer überlegt; «der weisse Kenianer», steht auf seinem Leibchen. Wäre der Mund nicht durch einen Fetzen Stoff verdeckt, man sähe ihn grinsen. Gleich schlägt es 9.15 Uhr, 100 Läufer sind im ersten Block am Start – zwei Frauen, 98 ­Männer. Der OK-Präsident richtet die Kanone gegen den Himmel. Peng. ­Will­kommen am ­Hallwilerseelauf im Coronajahr.

Dass der 46. seiner Art nicht so sein würde wie seine Vorgänger, wird schnell klar. Die ersten 500 Meter absolvieren die Läufer mit Schutzmaske, erst danach kommt sie ab. Zwei ­Abfallboxen stehen bereit. Die einen entfernen die Maske gekonnt, andere bekunden mehr Mühe. Einer reisst sich die Kopfhörer aus den Ohren, der Mann hinter ihm vergisst ganz, die Maske ­abzuziehen. «Vor luuter Schnurre», wie er sich eingestehen muss. Und ein paar der Läufer verlassen in diesem Moment die koordinativen Fertigkeiten derart, dass sie die Box schlichtweg verfehlen. Für solche Fälle ist vorgesorgt: Die ­vielen freiwilligen Helfer am ­Streckenrand klappern schon gierig mit den ­Abfallzangen.

Es funktioniert eben nicht alles auf Anhieb hier, am Hallwilerseelauf der besondern Art. Aber man ist vorbereitet. Das umfangreiche Schutzkonzept, das die Organisatoren erarbeiten und absegnen lassen mussten, es greift. Mehr Sicherheitspersonal ist aufgeboten, um die Laufstrecke herum gilt Maskenpflicht, einzelne Bereiche sind abgesperrt. Die meisten Dis­ziplinen verbannte man zwangsweise aus dem Programm, bloss der Halbmarathon und der Zehn-Kilometer-Lauf finden statt.

Die Sorgen von ­ OK-Chef Roland Müller

«Der Aufwand war nicht ohne», sagt Roland Müller. Der OK-Präsident wirkt müde, angespannt. Wie angespannt, das wissen wohl nur jene, die ihn am besten kennen. Die steigenden Fallzahlen haben ihm Sorgen bereitet. Ein, vielleicht zwei Wochen später terminiert, und der Lauf wäre vielleicht doch abgesagt worden. «Man hat nie gewusst, wann das Telefon kommt und es plötzlich heisst: ‹Stopp!›», sagt Müller. Er sagt «man», nicht «ich». Doch letztlich ist er es, der in der Verantwortung steht. Müller spricht von der Symbolwirkung des Laufs für andere Events im Kanton, ja in der ganzen Schweiz. «Wären wir ein schlechtes Vorbild gewesen, wäre das nicht gut.» Dass Müller im Konjunktiv verbleibt, zeigt: Er ist zufrieden. «Jeder hält sich an die Regeln.»

Eine dieser Regeln hatte geheissen, dass Zuschauer dieses Mal möglichst zu Hause bleiben sollen. Kein Anfeuern, kein Zujubeln, kein Umarmen. Doch Viele können der Idylle des Sees mit dem hoch stehenden Schilf und dem spiegelglatten Wasser nicht widerstehen und reisen trotzdem an. Ein aufmerksamer Beobachter aber versichert, dass die Menge an Anwe­senden «kein Vergleich» sei zu den ­Jahren davor.

Nach dem Zieleinlauf wartet bereits die nächste Maske

Zwei der Zuschauer haben beim Schloss Hallwyl den Campingstuhl aufgespannt, das Bier in den Halter gestellt und werfen einen Blick auf die anrauschenden Halbmarathonläufer. Hier, vor den malerischen Schlossmauern ist für einen der Läufer die Zeit gekommen, abzubrechen. Entkräftet reisst er ein Loch in das Absperrband und bringt ein finales «ich kann nicht mehr» hervor. Es muss ihm wie Hohn anmuten, dass wenig später ein anderer vorbeijagt, auf dessen Rücken «Aufgeben ist keine Option» aufgedruckt steht.

Nur noch einer Etappe hätte es bedurft und der Entkräftete wäre beim Strandbad in Beinwil am See ins Ziel eingelaufen. Hier kommen sie an, wie auch immer man sie nennen mag: die Läufer, die Finisher oder die ­«zächen Sieche», wenn es nach Moderator Franco Marvulli geht. Die Bouillon ist aufgekocht, die Brause des Hauptsponsors kühl gestellt. Vor Stunden reckte an dieser Stelle T-Roy Brown, der Gewinner des diesjährigen Hallwilerseelaufs, die Arme nach oben. Früh hatte er die anderen Teilnehmer ab­gehängt, er habe «niemanden mehr ­gesehen», gab er zu Protokoll, kurz und knapp. Neben Brown sind 2647 wei­tere Sportler ins Ziel eingelaufen, einschliesslich des Zehn-Kilometer-Laufs. Angemeldet waren 3134 Personen, wie aus den offiziellen Zahlen des OKs hervorgeht.

Die, die es geschafft haben, tragen ein Lächeln im Gesicht – wenn sie nicht kurz davor sind, sich zu Übergeben. Allzu lange jedoch ist das Strahlen nicht zu erkennen, denn nach Bouillon und Softgetränk wird bereits die nächste Schutzmaske verteilt. Eine Frau und ihr Partner im verschwitzten Trikot entledigen sich der Mund-Nasen-Bedeckung und geben sich einem flüchtigen Augenblick der Zuneigung hin. Für ein Küsschen hat es noch immer gereicht. Auch in einem Jahr wie diesem.

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