Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Basel, hat mit seinem Team das Gesundheitswesen des Kantons Aargau analysiert. Die Studie haben der Aargauische Gewerbeverband (AGV) und die Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) in Auftrag gegeben. Gestern Montag hat Stefan Felder den 70-seitigen Schlussbericht in Aarau vorgestellt. Er zeigt auf, wo der Aargau im Vergleich zu anderen Kantonen steht, welches die wichtigsten Kostentreiber im Gesundheitswesen sind und mit welchen Massnahmen die Kosten gesenkt werden könnten.

Die Lage ist ernst. Das wird bereits in der Einleitung klar. Ohne Gegenmassnahmen wird sich die finanzielle Situation des Kantons nicht verbessern. Die Gesundheitskosten dürften in den kommenden Jahren kontinuierlich steigen. Gleichzeitig entwickeln sich die Steuereinnahmen schleppend. «Es ist fraglich, ob die staatliche Gesundheitsversorgung in der heutigen Form für den Kanton Aargau langfristig überhaupt noch tragbar ist», heisst es im Bericht.

Der Schein trügt

Im Vergleich mit anderen Kantonen kostet die Gesundheit im Aargau zwar weniger. 2016 bezahlten Aargauer für die obligatorische Krankenpflegeversicherung 3484 Franken pro Jahr. Damit liegt der Kanton etwa acht Prozent unter dem schweizweiten Schnitt von 3778 Franken und weit hinter dem Spitzenreiter, dem Kanton Basel-Stadt mit Prämien von 4929 Franken (vgl. Grafik).

Doch der Schein trügt. Die Versicherten bezahlen im Aargau zwar weniger, aber die Prämien sind seit 1997 stärker gestiegen als andernorts. Während sie im schweizweiten Durchschnitt jedes Jahr knapp 4 Prozent teurer wurden, wuchsen sie im Aargau um 4,7 Prozent pro Jahr (vgl. Grafik unten). Von den Nachbarkantonen verzeichnen nur Luzern und Solothurn ein noch stärkeres Wachstum. Warum diese Entwicklung beunruhigend ist, zeigt sich daran, dass die Einnahmen im Aargau im gleichen Zeitraum nur um 2,1 Prozent pro Jahr zugenommen haben. Das heisst, die Gesundheitsausgaben laufen der Einkommensentwicklung davon.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Ausgaben von Kanton und Gemeinden für die Gesundheit. Diese sind im Aargau mit 1144 Franken pro Einwohner zwar niedrig, verglichen mit den 1686 Franken, welche die öffentliche Hand im Schnitt für die Gesundheit bezahlt. Aber auch hier: Innerhalb von nur sieben Jahren, von 2008 bis 2015, sind die öffentlichen Ausgaben für
Gesundheit inklusive Prämienverbilligung und Ergänzungsleistungen zur AHV um 79 Prozent gestiegen, wie die Studie von Stefan Felder zeigt (vgl. Grafik unten). Inzwischen
machen die Gesundheitskosten 23,1 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des Kantons aus. 2007 betrug dieser Anteil noch 12,1 Prozent. Diese Zahlen machen klar, dass die Gesundheitsausgaben den kantonalen Finanzhaushalt stark strapazieren.

Die Diskussion ist lanciert

Für den Kanton haben sich in jüngster Zeit laut Studie vor allem die stationären Spitalkosten stark auf das Budget ausgewirkt. Für die Gemeinden haben sich die Kosten durch die neue Pflegefinanzierung geändert. Die Pro-Kopf-Ausgaben für die Langzeitpflege, also Pflegeheime und Spitex, sind in sieben Jahren von 33 auf 171 Franken gestiegen.

Aus der Situationsanalyse haben Stefan Felder und sein Team acht Massnahmen evaluiert, die sich auf kantonaler Ebene umsetzen liessen – vorwiegend im Spitalbereich oder in der Langzeitpflege. Fünf dieser Massnahmen – zusammen ergibt sich ein Sparpotenzial von 55 Millionen Franken – haben die beiden Verbände als Forderungen aufgenommen (siehe unten). Gegenüber den Medien betonten AIHK-Präsidentin Marianne Wildi und AGV-Präsident Kurt Schmid, die hohe Qualität des Gesundheitswesens bleibe – trotz tieferer Kosten – erhalten. Das Timing der beiden Verbände, ihre neuen Forderungen zu platzieren, könnte nicht besser sein. In den kommenden Wochen wird die Regierung das totalrevidierte Spitalgesetz in die Anhörung schicken. AGV und AIHK haben die Diskussion bereits vor dem Start der Vernehmlassung lanciert.