Was da auf dem Bildschirm aufleuchtet, ist wenig schmeichelhaft. Laut, faul und ausländerfeindlich. Hinterwäldlerische Landeier. Spiessig und besserwisserisch. Mit dem Finger können die Besucher der jüngst eröffneten Ausstellung im Museum für Kommunikation in Bern 26 Vorurteile einem der Kantone zuordnen. Und der Aargau hat keinen leichten Stand, wie ein Blick auf die Zwischenergebnisse zeigt.

Oft taucht er weit vorne auf; bei «langweilig und hocken im Nebel» etwa denken fast so viele Besucher an den Aargau wie an die Solothurner Nachbarn. «Autonarren und Kiffer» verbindet die Mehrheit genauso mit dem Aargau wie «schlechte Autofahrer mit weissen Socken».

Dabei haben die Museumsmacher für alle Kantone nur je ein negativ behaftetes Stereotyp gesucht. «Bei den einen war es ganz einfach, bei anderen wahnsinnig schwierig», sagt Nico Gurtner, Sprecher des Museums für Kommunikation. «Wir wollen den Leuten nicht eine Wahrheit verkaufen, sondern sie zum Nachdenken anregen. Das Spiel soll zeigen, wie willkürlich die Zuordnung ist und wie wenig Stereotype in der Regel der Realität gerecht werden.»

Gurtner schätzt, dass schon mehrere tausend Besucher teilgenommen haben – die Mehrheit davon aus der Region Mittelland. Das erkläre wohl auch, wieso der Aargau so oft genannt wurde. Tendenziell gelte: Je näher der Bezug zu einem Kanton, desto mehr würden die Klischees gegenseitig gepflegt. Dazu komme: «Viele Leute kennen den Aargau vor allem vom Durchfahren.»

Ein Hit voller Klischees

Das Bild des Autobahnkantons hat Peach Weber schon Anfang des Jahrtausends besungen. Der Aargauer Komiker hat einen seiner grössten Hits dem Thema gewidmet: Rüebli, Autobahn, Achtung Gefahr. Kein Klischee lässt Weber aus – «I bene Aargauer und be stolz dodruf» folgt dennoch auf jede Strophe.

Stolz verspürt auch Benjamin Giezendanner, wenn er über seinen Kanton spricht – den Kanton, dem er als Grossratspräsident für ein Jahr vorsteht. Der SVP-Politiker ist überzeugt: «Der Aargau hat kein Imageproblem.» Beinahe täglich ist er als offizieller Vertreter des Kantons unterwegs, oftmals auch in anderen Regionen des Landes. Dabei stellt er fest: «Sprüche über Klischees habe ich in den letzten Monaten nie gehört. Im Gegenteil, über den Aargau wird sehr respektvoll gesprochen.» Das war zu Beginn seiner Politikkarriere nicht immer so: Bei seinem ersten Fernsehauftritt in den 1990er-Jahren erkundigte sich der Moderator nach Giezendanners Sockenfarbe. «Ich habe es mit Humor genommen, aber insgeheim gehofft, dass ich an diesem Tag keine weissen Socken angezogen hatte», erinnert sich der Grossrat.

Weisse Socken auf Laufsteg

Für Sockenfarbe, Rüebli und Autofahrfähigkeiten interessieren sich die meisten Kunden von Annelise Alig nicht. Die Leiterin der kantonalen Standortförderung bringt Geschäftsleuten die Vorzüge des Aargau näher. «Die ausländischen Firmen interessieren sich nicht für die Kantonsklischees, sondern für Steuern, Löhne, Arbeitskräfte und Rechtslage. Sie erleben die Region als jung, dynamisch und engagiert.» Ein Bild, das sich auch hierzulande immer mehr durchsetze und die Standortförderung aktiv vermittle, sagt Alig.

Dennoch würden Stereotype über Kantone wohl nie ganz verschwinden. «Es gibt immer Leute, die daran festhalten.» Alig und ihr Team haben kurz mit dem Gedanken gespielt, die bekannten Klischees positiv besetzt vereinzelt zu nutzen, entschieden sich dann aber doch dagegen. Für die Vorteile des Wirtschaftsstandorts werben sie lieber im direkten Kontakt mit interessierten Firmen.

Den Aargau im besten Licht erscheinen lassen möchte auch Benjamin Giezendanner. Sein Motto während seines Jahres als höchster Aargauer: «Kanton mit Stil». Dazu könnte er wieder auf weisse Socken zurückgreifen, zumindest wenn es nach «10vor10» geht. Die Nachrichtensendung berichtete jüngst, weisse Socken in Badelatschen seien in – und hätten gar den Sprung auf den Laufsteg geschafft.

Das steckt hinter den Vorurteilen:

1. AG - Achtung Gefahr

Der Aargau ist der Kanton der Autobahnen und der schlechten Autofahrer. Letzteres Klischee hält sich hartnäckig, obwohl es dafür statistisch keinerlei Anzeichen gibt. So zählen die Aargauer etwa gemäss dem Ranking der Versicherung Axa, die über fünf Jahre hinweg die Häufigkeit von Kollisionsschäden in Kantonen verglichen hat, zu den sichersten Autofahrern. Schuld an der wenig schmeichelhaften Einschätzung der Fahrkünste sei wohl das Kürzel AG auf dem Nummernschild, sagt Idiotikon-Chefredaktor Hans-Peter Schifferle.

Die Kantonskürzel, die in den 1930er-Jahren extra für die Kontrollschilder eingeführt worden sind, boten sich für Interpretationen an: «Achtung Gefahr» wurde daraus im Fall des Aargau. Völlig aus der Luft gegriffen sei dieses Klischee damals wohl nicht gewesen, sagt Schifferle. In Zürich seien früher viele Autofahrer vom Land erstmals in einer grossen Stadt gefahren und hätten davor auch noch nie ein Tram gesehen.

2. Rüebliland

Der Aargau gilt schon seit Langem als Rüeblikanton. Bereits um 1900 taucht im Schweizerdeutschen Wörterbuch der Begriff «Rüebliländer» auf. Bedeutung: «Neckname der Bewohner von Reckingen», aber «auch der Aargauer überhaupt im Munde der Nachbarn». Die Gründe dafür sind nicht vollständig geklärt. Niklaus Bigler, ehemaliger Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch, sieht den Ursprung dieser Bezeichnung im Anbau der Rüben. Diese seien allerdings nicht orange gewesen, wie wir sie heute kennen, sondern gelb oder weiss und rundlich.

Ein Suhrer Pfarrer schrieb 1772 über die «Anpflanzung der Rüben im untern Aargäu» und schildert darin, wie das Gemüse gesät und genutzt wurde. Zum Schluss äussert er sein Erstaunen, dass dem Beispiel andernorts nicht gefolgt wird: «Mich wundert nur, dass andere Gegenden nicht schon längstens die anschlägigen [geschickten] und geistreichen Bewohner des untern Aargäues nachgeahmet.» Wie gross die Bedeutung des orangen Gemüses bis heute ist, zeigt sich jeweils am ersten Mittwoch des Novembers in Aarau: Um die 35 000 Personen besuchen den Rüeblimärt.

3. Sockenfrage

Der Aargauer trägt die Socken weiss, so lautet ein weitverbreitetes Klischee. Für Hans-Peter Schifferle, Chefredaktor des Schweizerdeutschen Wörterbuchs (auch bekannt als Idiotikon), handelt es sich dabei um eine relativ junge Erscheinung. Seine Erklärung: «Dieses Klischee geht auf die 1980er-Jahre zurück, als weisse Socken in Mode waren und alle Männer sie trugen – auch die Zürcher.»

Doch wie jeder Trend fand auch dieser ein Ende. Anfang Neunzigerjahre mussten es wieder schwarze Socken sein, die weissen Modelle galten plötzlich als uncool und bünzlig. Ein Wechsel, den nicht alle gleich schnell mitmachten. Schifferle sagt: «Die Aargauer standen im Ruf, auch dann noch weisse Socken zu tragen, als dies sonst niemand mehr tat.» Das habe wohl auch damit zu tun, dass die Bewohner aus dem eher ländlichen Nachbarkanton in der Stadt Zürich lange als hinterwäldlerisch wahrgenommen worden seien. Der Idiotikon-Chefredaktor weiss, wovon er spricht: Als Zurzibieter lebt und arbeitet er seit über 40 Jahren in Zürich.