Schöne neue Welt: Um mehr über ein St. Galler Entwicklungsprojekt mit Aargauer Unterstützung in Äthiopien zu erfahren, muss man manchmal nach Südafrika telefonieren. So geschehen vor einigen Tagen, als am anderen Ende der Skype-Leitung Joel Gloor, 24, Oberentfelden, im südafrikanischen Durban in einem Bungalow sitzt. Er sagt: «Ich mag die Art, wie sie hier schreiben. Gelassenheit wird nämlich grösser geschrieben als in der Schweiz.»

Gerade kann es Joel Gloor ziemlich gelassen nehmen, die nächsten sechs Monate fährt er mit Freundin, Offroader und Dachzelt durch Südafrika, Sambia, vielleicht auch Tansania, Kenia. Dass der Kontinent es ihm angetan hat, verdankt er seinem Studium der Energie- und Umwelttechnik an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Windisch. Im September schloss er ab. Die Reise ist auch eine Belohnung.

Hinaus in die reale Welt

Der Grund für das Telefonat ist aber ein anderer: Ein Projekt, das es so nicht alle Tage gibt. Begonnen hatte es 2015 mit einer Anfrage des Vereins Elfinesh, Neuhaus SG, an die FHNW. Das Hilfswerk hat im äthiopischen Hochland eine Schule aufgebaut, samt Wasserversorgung. Was zuerst gedacht war, um den Schulkindern saubereres Wasser zum Trinken und Waschen zur Verfügung zu stellen, versorgt heute 15 000 Menschen in der Umgebung. Hinzu kam: Die installierten Wasserpumpen und die Dieselgeneratoren, die diese antreiben, sind überdimensioniert. Entsprechend hoch fallen die Betriebskosten aus.

Der Verein Elfinesh hatte deshalb die Studierenden der FHNW beauftragt, Konzepte zur Sanierung aufzustellen. Im Studiengang Energie- und Umwelttechnik machten sie sich an die Arbeit. Solche Praxisprojekte seien sehr wertvoll, sagt Dozentin Karen Schrader: «Man geht aus dem Klassenzimmer in die reale Welt. Das sind wichtige Erfahrungen.» Die gefundene Lösung soll nicht nur die Kosten, sondern auch die CO2-Emissionen senken: Neue, effizientere Pumpen, die nicht mehr mit Diesel, sondern mit Solarzellen betrieben werden.

Äthiopier in Oberrohrdorf

Joel Gloor flog nach Äthiopien, machte sich ein Bild von der Anlage, beriet sich mit dem Verein. Er führte Interviews, analysierte die Lage: Wo könnte man die Solarzellen installieren? Für ihn eindrücklich: «Man darf nicht unbeschränkt viel Wasser entnehmen. Jede Familie erhält 20 Liter pro Tag.» Zusätzliches gibt es aus dem nahen Fluss; sauber ist diese Alternative aber nicht.

Im Gegenzug kam diesen Sommer der äthiopische Elektroingenieur-Student Biruk Alemajhu Nigussie in den Aargau. Während zweier Monate bildete er sich weiter in Solarenergie und Pumpentechnik. Half bei Reinigungsarbeiten in der Wasserversorgung Obersiggenthal, montierte Solarmodule auf einem Hausdach in Dottikon, besuchte Pumpenhersteller. Zusammen mit dem Projektcoach der FHNW, Klaus Eisele, und Elfinesh-Präsident Clemens Sieber lernte er die Schweiz kennen, neues Know-how und trieb gleichzeitig die Planung der neuen Anlage voran. «Es war eine grossartige Erfahrung», sagt Biruk Nigussie: «Ich bin sehr beeindruckt von der Effizienz und dem Zeitmanagement.» Die Schweizer seien ihrer Arbeit sehr verbunden und das Arbeitsklima sei sehr freundlich. Er habe so nicht nur Technisches gelernt, sondern auch, wie man einen guten Workflow erreiche.

Die Sache mit den Ersatzteilen

Der Verein Elfinesh hat Biruk Nigussie jetzt angestellt. Mit Unterstützung aus der Schweiz soll er die Erneuerung der Anlage erfolgreich umsetzen. Darauf freut er sich sehr, sagt aber auch: «Es ist nicht ganz einfach, die richtigen Komponenten auszuwählen. Ersatzteile gibt es fast keine in Äthiopien. Ich denke, wir müssen mehr improvisieren, als das in der Schweiz nötig wäre.»

Auch Dozentin Schrader zieht eine positive Bilanz. Bereits wurde ein neues Projekt an die Hand genommen: Die energetische Beratung beim Aufbau einer Bäckerei in Gambia, mit Unterstützung einer Schweizer Stiftung. Die Kosten für die Abwicklung solcher Studierendenprojekte werden im Rahmen einer Pauschale vom Auftraggeber übernommen. Künftig sollen mehr solche internationalen Know-how-Transfers durchgeführt werden, wie Schrader sagt: «Wir halten Ausschau nach weiteren Projekten und sind froh, wenn sich Interessenten bei uns melden.»

Und Joel Gloor hat vor, sich nach der grossen Reise weiter mit Solaranlagen und Batteriesystemen zu befassen. Für die Erfahrung in Äthiopien ist er sehr dankbar: «Wir haben mehr Einsatz gegeben als die sechs ECTS-Punkte, die wir für das Projekt erhielten. Dafür habe ich Dinge fürs Leben gelernt.»