PILGERSERIE, TEIL 1

Mit der Muschel unterwegs im Freiamt: Wandern zwischen Wegkreuzen, Kloster und Einsiedelei

Pilgern ist nach wie vor in. Doch muss es gleich der Jakobsweg nach Spanien sein? Nein, sagt az-Redaktor Eddy Schambron und pilgert sechs Tage lang auf dem Freiämterweg durch die Region. Im ersten Teil der neuen az-Serie ist er von Buttwil über Kallern, den Niesenberg nach Villmergen unterwegs.

Muss es Santiago de Compostela sein? Der Freiämterweg ist doch auch ein Pilgerweg. Unzählige Kirchen und Kapellen säumen ihn, Klöster, Besinnungswege, Lourdesgrotten und Wallfahrtsorte. Der Entschluss, eine Woche lang auf dem Freiämterweg zu pilgern, erfolgte nach dem Lesen der Meldung, dass 2016 so viele Menschen wie noch nie den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gegangen sind: 278 041 Personen erhielten die «Compostela-Urkunde.

Auf dem Freiämterweg gibt es keine Urkunde, aber vielleicht ähnliche Erfahrungen, wie es sie Pilger auf dem Jakobsweg machen. Pilgern, heisst es, ist die Reduktion auf das Wesentliche, ungewöhnliche körperliche Belastung, Zugang zu sich selbst und zur Spiritualität.

Die sechstägige Freiämter Pilgerreise beginnt in Buttwil, das Dorf mit der Muschel im Gemeindewappen, dem Pilgerabzeichen für die Wallfahrer nach Santiago de Compostela. Früher führte hier ein Pilgerweg vorbei. Passender Ausgangspunkt ist die Kapelle, die dem Heiligen Jakobus geweiht ist und an diesem frühen Sonntagmorgen noch geschlossen ist. Im Gepäck befindet sich so wenig wie möglich. Zehn Kilo kommen trotzdem zusammen.

Das Geläute der Pfarrkirche in Villmergen.

Das Geläute der Pfarrkirche in Villmergen.

Perfekt ausgeschildert

Der Freiämterweg ist hervorragend ausgeschildert. Der Marsch geht über Kallern und den Niesenberg an verschiedenen Wegkreuzen vorbei zur Kapelle Büttikon und anschliessend nach Villmergen. Die Sonne heizt kräftig ein. Glücklicherweise verläuft der Weg auf weiten Strecken im Wald. Ich verfalle schnell in «mein» Tempo, begegne fast niemandem, weil wohl alle Schatten suchen in ihrem Garten oder in der Badi abtauchen. Unterwegs gibt Vronis Nussgipfel, 3 Franken in Selbstbedienung am Wegrand, neue Energie.

«Gott liebt euch, so wie ihr seid», sagt Pfarrer Hanspeter Menz. Sonntag, 19 Uhr, Pfarrkirche Peter und Paul, Villmergen: Der Jugendgottesdienst mit den vor einer Woche gefirmten Jugendlichen zieht erstaunlich viele ältere Menschen in die Kirche, die als der schönste neugotische Sakralraum des Aargaus gilt.

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«Heilige Geist, sei mein Navi»

«Gott hat einen Plan, an dem kannst du mitwirken», ruft Menz in Erinnerung. Und wenn man mal nicht mehr weiter wisse, könne man sich an den Heiligen Geist wenden und bitten: «Heilige Geist, sei mein Navi.» Der Pfarrer unterstrich, dass es mit dem Glauben sei wie mit des Jugendlichen liebsten Geräts: «Man muss den Akku immer wieder aufladen».

Menz nahm es mit Gelassenheit, als während der Wandlung ein Handy lostönte. «Bitte stelle es ab», sagte er dem jugendlichen Besitzer nur, der zuerst nach vorn wieseln musste, um sein Handy aus dem Rucksack zu holen. Der feierliche Gottesdienst geht zu Ende und ich erinnere mich an die Aufforderung auf der Webseite der Pfarrei: «Klopfen Sie an…», schreibt sie. Ich lasse es sein, auch ein Pfarrer hat seinen Feierabend verdient.

Servicestation für Pilger

Das Umfeld der Pfarrkirche entpuppt sich sozusagen als Servicestation für Pilger. Das öffentliche WC ist geräumig, am Lavabo kann man sich ungestört frisch machen. Das sollte sich auch in den folgenden Tagen bestätigen: Friedhöfe bieten den Lebenden viel. Sie sind ein Ort der Ruhe und für den Pilger eine sichere Wasserquelle. Kommt bei grösseren noch eine Abdankungshalle dazu, kann auch hier von einer Servicestation für Pilger gesprochen werden. Bei schlechtem Wetter würden zudem grosszügige Vordächer Schutz vor dem Regen bieten. Die Nachtruhe finde ich im Wald oberhalb der Kirche unter freiem Himmel.

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