Andreas Santoni wollte Pfarrer werden. Heute glaubt er nicht mehr an die Kirche. Verständlich: Der Pfarrer, sein ehemaliger Religionslehrer, hat Santoni missbraucht. "Religionsunterricht war nie im Klassenzimmer, sondern im Pfarrhaus. Wir haben oft Filme geschaut, über Jesus und so. Der Pfarrer hat dann das Zimmer verdunkelt und hatte immer wieder einen von uns Schülern auf dem Schoss, auch mich – so fing alles an", erzählt Santoni im Talk Täglich auf Tele M1. Seitdem sind rund 40 Jahre vergangen.

Santonis Peiniger genoss viele Freiheiten. Als Verwaltungsrat des Kinderheims war er in einer Sonderstellung. "Die Vermutungen waren ja da. Dass der Religionsunterricht nicht im Klassenzimmer stattfand, war komisch. Dazu kamen die vielen Filme und die ständigen Zimmerbesuche. Trotzdem hätte man es früher merken und reagieren können", sagt Santoni. Er fordert für die Zukunft, dass die Gesellschaft besser hinschauen und Verdachtsfälle melden solle. "Nur so kann Schlimmeres verhindert werden."

Mit der Kirche hat Santoni, der früher selber Pfarrer werden wollte, abgeschlossen. "Ich glaube noch an Gott, spüre ihn aber nicht mehr", sagt Santoni. "Ohne Liebe und Sex geht es nicht. Deswegen soll die Kirche endlich dieses scheinheilige Zölibat abschaffen", fordert das Missbrauchsopfer. "Was sonst noch so hinter den Klostermauern abgeht, will ich gar nicht wissen."

Die schlimmen Bilder verfolgen Santoni auch Jahrzehnte später noch. An der Beerdigung seiner Mutter 2009 hatte er einen psychischen Zusammenbruch. "Ich sah plötzlich den nackten Pfarrer und nicht den, der die Predigt abhielt", sagt er. Santoni schlotterte damals am ganzen Körper und musste gestützt werden. Anschliessend plante er, sich umzubringen. Mit einer Gasflasche im Auto wollte er sich vor dem Kinderheim in die Luft sprengen. Doch die Polizei stoppte sein Vorhaben. (jaw)

Der komplette Talk zum Nachschauen:

Missbrauchsopfer

Missbrauchsopfer Andreas Santoni

Andreas Santoni wurde vor 40 Jahren im Kinderheim in Hermetschwil sexuell missbraucht. Nach einer langen Leidenszeit ging er an die Öffentlichkeit.