Verwirrend
Minergie-Prüfung: Kanton wehrt sich gegen Vorwurf des Etikettenschwindels

Die Prüfstelle liegt in Bern, das Energiedepartement gibt eine Aarauer Adresse und Telefonnummer an. Dies wirft Fragen auf.

FAbian Hägler
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«Da es keine hoheitliche Aufgabe ist, war der Einbezug einer externen Prüfstelle naheliegend», sagt Stephan Kämpfen, Sektionsleiter Energieeffizienz

«Da es keine hoheitliche Aufgabe ist, war der Einbezug einer externen Prüfstelle naheliegend», sagt Stephan Kämpfen, Sektionsleiter Energieeffizienz

Wer im Aargau eine Minergie-Zertifizierung für sein Bauprojekt braucht, kann sich seit dem 1. Januar an eine zentrale Stelle wenden. Dies verkündete das verantwortliche Departement Bau, Verkehr und Umwelt kürzlich in einem Newsletter. Zuvor waren die verschiedenen Minergie-Kategorien von Instituten in Aarau, Horw, Muttenz oder St. Gallen zertifiziert worden. Neu sollen Anträge an die Minergie-Zertifizierungsstelle Aargau, Postfach 3409, 5001 Aarau eingereicht werden. Wer telefonische Auskünfte braucht, wird auf die Nummer 062 835 45 00 verwiesen.

Aarau-Adresse für Berner Firma

«Das ist reiner Etikettenschwindel», sagt Lukas M. (Name geändert). Er ist Angestellter einer Firma, die selber Minergie-Prüfungen durchführt. Trotz der lokalen Postadresse und der Telefonnummer, die nach kantonaler Verwaltung aussehe, sei die Prüfstelle nicht im Aargau. «Tatsächlich führt das ibe Institut für Bau+ Energie in Bern die Prüfungen durch», sagt Lukas M. Obwohl sein Büro bei der Ausschreibung der zentralen Prüfstelle offeriert hat, aber nicht berücksichtigt wurde, ist Lukas M. nicht frustriert. «Mir ist klar, dass solche Aufträge mit einer Summe über 250 000 Franken ausgeschrieben werden müssen», sagt er.

Sauer stösst ihm allerdings auf, dass der Kanton den Eindruck erwecke, die Stelle befinde sich im Aargau. «Es lässt sich nicht verhindern, dass Aufträge und damit Steuergelder in auswärtige Kantone vergeben werden», sieht Lukas M. ein. «Wenn die Behörden dann aber ein schlechtes Gewissen haben und absichtlich falsche Tatsachen vortäuschen, ist das verwerflich», findet er.

Nur noch eine Anlaufstelle

Stephan Kämpfen, Sektionsleiter Energieeffizienz beim Kanton, bestätigt die Vergabe ans Institut ibe in Bern. Er wehrt sich aber gegen den Vorwurf des Etikettenschwindels. «Dass für den Postverkehr und den telefonischen Kontakt lokale Adressen gewählt wurden, hat den Vorteil, dass im Fall von Neuausschreibungen und Vergaben keine neuen Kontaktadressen kommuniziert werden müssen.» Damit solle für Bauherren, Architekten oder Fachplaner Kontinuität und Sicherheit geschaffen werden.

«Wir haben uns auch überlegt, ob wir direkt die Adresse der ibe vermerken sollen», sagt Kämpfen. «Doch sollten wir künftig den Anbieter wechseln, müssten wir auch allen Aargauer Architekturbüros wieder neue Adressen mitteilen, das wollten wir vermeiden.» Der Auftrag ans Institut ibe läuft laut Ausschreibung bis Ende 2019 und kann einmalig um fünf Jahre verlängert werden.

Doch warum führt der Kanton die Minergie-Prüfungen nicht selber durch? Kämpfen begründet: «Um eine einheitlichere Beurteilung, eine Steigerung der Effizienz in der Prüfung und eine Vereinfachung in der Kommunikation zu erreichen, wurden die Zertifizierungsstellen nun zusammengelegt.» Die daraus resultierende Zunahme der Zertifizierungsanträge könne mit den bisherigen personellen Ressourcen nicht bewältigt werden. «Da es sich nicht um eine hoheitliche Aufgabe handelt, war der Einbezug einer externen Prüfstelle naheliegend.»

ibe prüft, Kanton zertifiziert

Kämpfen hält fest, dass die ibe die eingereichten Anträge nur prüfe, die eigentliche Zertifizierung jedoch durch die Abteilung Energie des Kantons vorgenommen werde. «Konkret prüfen wir, ob neben den Minergie-Richtlinien auch die Vorgaben des kantonalen Energiegesetzes eingehalten werden», sagt er.

Aus den Zertifizierungen selber fallen für den Kanton übrigens keine Kosten an. «Die Prüfung der Anträge wird über Zertifizierungsgebühren finanziert, die reglementarisch vom Verein Minergie festgelegt sind.»