Rund 35 000 Menschen im Aargau verdienen so wenig, dass sie nicht davon leben können. Das will die Mindestlohn-Initiative ändern. Abgestimmt wird darüber am 18. Mai.

Kurt Emmenegger, SP-Grossrat und Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbund, erzählt an der Pressekonferenz in Aarau von einer jungen Verkäuferin aus Lenzburg, die anlässlich einer Podiumsdiskussion sagte: «Ich arbeite oft, ich leiste viel, ich mache meinen Job mit Herzblut – und kann doch nicht davon leben.»

So wie der jungen Frau gehe es vielen Angestellten im Verkauf, aber auch Arbeitern in grossen Produktionsbetrieben, sagte Emmenegger. Die Absurdität von Tieflöhnen zeige sich auch daran, dass die Besitzer der Unternehmen, in denen Tieflöhne bezahlt würden, oft selber Milliarden verdienen.

Darunter seien weltweit tätige Konzerne, die Niederlassungen im Aargau haben. Viele Arbeitnehmer solcher Unternehmen seien trotz Vollzeit-Erwerbstätigkeit auf Sozialhilfe angewiesen. Das bedeute: «Es findet momentan eine enorme Subventionierung von gewissen Arbeitgebern durch den Steuerzahler statt, weil diese sich weigern, anständige Löhne zu zahlen», sagt Emmenegger.

Mindestens 22 Franken pro Stunde

Die Initiative fordert einen verbindlichen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde, was einem Monatslohn von 4000 Franken entspricht. Wer Vollzeit arbeite, müsse davon leben können. Das sei nicht nur für die soziale Gerechtigkeit und den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig, sagt Grossrätin Irène Kälin (Grüne). «Das ist auch eine Frage der Menschenwürde.» Denn für die Betroffenen sei das Tieflohnproblem gross.

Dass ein gesetzlicher Mindestlohn für die Arbeitgeber ein finanzielles Problem darstellen würde, das glaubt Marco Piovanelli von Travail Suisse Aargau nicht. Firmen, die einem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, würden das beweisen. «Es ist möglich, gerechte Löhne zu zahlen.»

Mit Sicht auf den Aargau würden gesetzliche Mindestlöhne auch Arbeitnehmer vor günstigen Arbeitskräften aus dem nahen Ausland schützen. Und zugleich Arbeitgeber, die anständige Löhne zahlen, vor einer Verdrängung durch Billigkonkurrenten schützen.

SP-Nationalrätin Yvonne Feri wies darauf hin, dass ein Mindestlohn die Kaufkraft stärke, mehr Steuereinnahmen generiere und die Sozialwerke entlaste.

Wichtig ist Yvonne Feri, dass der gesetzliche Mindestlohn ein wichtiger Beitrag für mehr Lohngleichheit in der Schweiz sei. Noch heute verdienen Frauen rund 20 Prozent weniger als Männer. Von zehn Personen, die Vollzeit arbeiten und weniger als 4000 Franken verdienen, seien sieben Frauen, sagt Feri.