Die offene Drogenszene auf dem Zürcher Platzspitz sorgte Ende der 1980er- und Anfang 1990er-Jahren für Schlagzeilen. Für die Betroffenen bedeutete ihre Sucht vor allem viel Leid. Genau vor 20 Jahren hat die Schweiz neue Wege in der Drogenpolitik eingeschlagen und eine kontrollierte Heroinabgabe eingeführt. Die Süchtigen sind damit weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Es gibt sie aber noch heute – auch im Aargau. Laut Kantonsarzt Martin Roth befinden sich rund 900 Menschen in einem Substitutionsprogramm. Das heisst, sie werden mit einem Heroinersatz behandelt. Die Zahl der Menschen in einem Substitutionsprogramm ist im Aargau über die Jahre relativ stabil geblieben, sagt Kantonsarzt Martin Roth. Die Mehrheit von ihnen bekommt das legale Medikament Methadon. 

Entzugserscheinungen nach acht Stunden

Methadon ist ein vollsynthetisches Opioid, das im Gegensatz zu Heroin kaum ein Rauschgefühl auslöst. Es verhindert auch die starken Entzugserscheinungen, die bei Heroin bereits acht Stunden nach der letzten Einnahme auftreten. Wie Heroin verursacht allerdings auch das Medikament Methadon eine starke körperliche Abhängigkeit. 

Rund 25 Personen befinden sich im Aargau ausserdem in einer kontrollierten Heroinabgabe. Damit eine Person Methadon bekommt, muss beim kantonsärztlichen Dienst eine Bewilligung beantragt werden. Wichtig sei dabei vor allem, den Nachweis zu erbringen, dass die Person wirklich süchtig ist, sagt Roth. Die Bewilligung muss jährlich erteilt werden, kann aber immer wieder beantragt werden.

«Viele Menschen sind während Jahrzehnten auf Methadon angewiesen.» Verschrieben wird das Methadon von den Hausärzten. Abgegeben wird die tägliche Dosis in flüssiger Form meist in den Apotheken. Läuft die Therapie gut und besteht ein Vertrauensverhältnis, werden die Dosen auch für mehrere Tage abgegeben. Die Behandlung wird von der Krankenkasse bezahlt. 

Ziel ist die Abstinenz

Im Aargau gibt es ausserdem das Ambulatorium HAG der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG). Dort werden Menschen behandelt, die abhängig sind von Opiaten und an weiteren psychiatrischen Störungen leiden. Das Ambulatorium hat rund 80 Patientinnen und Patienten. Die meisten erhalten zur Substitution Methadon oder das Medikament Subutex, damit sie kein Heroin mehr konsumieren müssen.

Zwar machen auch diese Medikamente abhängig, die substitutionsgestützte Behandlung hilft den Betroffenen jedoch, ein möglichst normales Leben zu führen. «Das ist der Mehrwert dieser Behandlung», sagt Martin Näf, Leitender Arzt Abhängigkeitserkrankungen der PDAG.

Der Weg über Methadon oder ein anderes Substitutionsmedikament sei für Heroinabhängige sichererer als der Entzug. Um langfristig auch vom Methadon wegzukommen, wird die Dosis über längere Zeit verringert.

«Das bringt bessere Ergebnisse als ein Entzug von einem Tag auf den anderen», sagt Näf. Langfristig sei es das Ziel der Behandlung, dass die Klienten von legalen und illegalen Suchtmitteln abstinent werden.

Im Ambulatorium in Königsfelden wird auch die heroingestützte Therapie angeboten. Rund 25 Personen erhalten dort täglich Diacetylmorphin, das heisst pharmazeutisches Heroin. Diese Behandlung ist für Menschen, die schwer heroinabhängig seien und bei denen andere Therapien keinen Erfolg zeigen, sagt Martin Näf.

«Bei diesen Menschen geht es meist darum, das Überleben zu sichern», sagt Martin Näf. Denn sie seien oft sowohl psychisch als auch körperlich in einer schlechten Verfassung. Auch die heroingestützte Therapie wird von der Krankenkasse bezahlt. Es bleibt ein Selbstbehalt von 15 Franken pro Tag, den jeder Patient selber tragen muss.

Gesamte Gesellschaft profitiert

Beim Heroin zeige sich in der Schweiz seit mehr als 10 Jahren eine leicht sinkende Tendenz, sagt Näf. Wie sich der Heroinkonsum jedoch in der Zukunft entwickle, könne niemand sagen. «Das wäre, wie wenn ich die Börse voraussagen müsste.» Denn es gebe immer wieder Gründe, die eine Droge plötzlich wieder attraktiver machen können. 

In der Schweiz geht man davon aus, dass sich 80 bis 90 Prozent aller Heroinabhängigen in einer substitutionsgestützten Behandlung befinden. 

Dass heroinsüchtige Menschen einen guten Zugang zu einer Therapie hätten, davon profitiere letztlich die gesamte Gesellschaft, da zum Beispiel Gesundheitskosten und Beschaffungskriminalität sinken, sagt der Arzt Martin Näf.