Bundesrats-Rücktritt
«Merenschwand war noch nie so bekannt» – was bleibt dem Dorf sonst vom Leuthard-Effekt?

Die Wohngemeinde von Doris Leuthard geht unaufgregt mit ihrer prominenten Bewohnerin um. Gemeindeammann Hannes Küng erfuhr aus dem TV von ihren Rücktrittsplänen. Der CVP-Politiker sagt, wie Merenschwand von ihrer Bundesrätin profitiert und warum sie dennoch nicht als Werbeträgerin eingesetzt wird.

Manuel Bühlmann
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Die Bundespraesidentin Doris Leuthard bei ihrer Ankunft anlässlich der 1. August-Feierlichkeiten der CVP Luzern vom Montag, 31. Juli 2017 vor dem KKL in Luzern.

Die Bundespraesidentin Doris Leuthard bei ihrer Ankunft anlässlich der 1. August-Feierlichkeiten der CVP Luzern vom Montag, 31. Juli 2017 vor dem KKL in Luzern.

URS FLUEELER

Die Aussage von Doris Leuthard, spätestens auf Ende Legislatur 2019 aus dem Bundesart zurückzutreten, sorgte schweizweit für einigen Wirbel. Die Pläne bringen neuen Schwung in die Diskussion um die Verteilung der Regierungssitze. In Leuthards Heimatgemeinde Merenschwand hingegen nimmt man die Ankündigung ihrer Bundesrätin so zur Kenntnis, wie man über all die Jahre mit der prominenten Bewohnerin umgegangen ist: gelassen.

Ab 1997 im Aargauer Grossen Rat, kandidiert Doris Leuthard 1999 für den National- und Ständerat. Der damalige CVP-Parteisekretär Reto Nause, heute Berner Sicherheitsdirektor, liess Duschgel mit ihrem Gesicht verteilen. Die Aargauer Zeitung titelte «Duschen mit Doris».
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Leuthards erstes Nationalratsportrait.
«Duschen mit Doris» wurde zum inoffiziellen Wahlkampfspruch als Leuthard 1999 für den National- und Ständerat kandidierte. Im Aargau wurden Tausende von Duschmittel-Beuteln mit ihrem Porträt verteilt.
Seit 1991 war Doris Leuthard als Rechtsanwältin tätig und Partnerin des Büros Fricker und Leuthard in Wohlen und Muri.
Hochzeit an Silvester: Am 31. Dezember 1999 heirateten Doris Leuthard und Roland Hausin auf dem Standesamt in Merenschwand.
Fünf Jahre nach ihrer Wahl ins Parlament wurde sie 2004 als Nachfolgerin von Philipp Stähelin zur Parteipräsidentin gewählt.
Zwei Jahre später folgte der nächste Blumenstrauss: Sie wurde von der CVP als Bundesratskandidatin und Nachfolgerin für Joseph Deiss vorgeschlagen.
Sie wurde 2006 mit 133 von 234 gültigen Stimmen gewählt.
Die stolzen Eltern gratulieren ihrer Tochter am 14. Juni 2006 mit einem Spruchband zur Wahl in den Bundesrat.
Der Bundesrat zur Zeit der Wahl von Leuthard (v.l.n.r.): Moritz Leuenberger, Micheline Calmy-Rey, Pascal Couchepin, Samuel Schmid, Christoph Blocher, Hans-Rudolf Merz, Doris Leuthard und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.
2007 erlebte sie auch die Abwahl Christoph Blochers und die daraus resultierende Abspaltung der BDP. Blocher wurde durch Eveline Widmer-Schlumpf ersetzt.
2010 wurde sie zum ersten Mal Bundespräsidentin. Hier steigt sie gerade aus dem Zug in Aarau.
2010: Küsschen für Bundespräsident Doris Leuthard in Paris.
Im selben Jahr hielt sie an der Generalversammlung der UNO eine Rede.
Ebenfalls ein beliebtes Sujet: Die Bundespräsidentin an der Olma – inklusive Ferkel.
Während ihrer Amtszeit durchreiste sie die ganze Schweiz: Hier die Bundesratsreise 2013, wo sie sich in Hinwil in einen Schützenpanzer setzte.
Ab 2014 war ihr Dienstauto ein Tesla.
Am 1. August 2015 trat Leuthard in Bad Zurzach auf.
Ein grosser Meilenstein in ihrer Karriere: Leuthard an der Eröffnung des Neat-Gotthardbasistunnels im Frühling 2016.
7. Dezember 2016: Doris Leuthard wird nach 2010 zum zweiten Mal zur Bundespräsidentin gewählt. Sie erhält 188 von 207 gültigen Stimmen.
Im Sommer 2017 organisierte Doris Leuthard das Bundesratsreisli. In Lenzburg gab es beim Apéro genug Zeit für Selfies und einen Schwatz mit der Bevölkerung.
An der 1.-August-Feier 2018 in Villmergen ermahnte Doris Leuthard die Schweizerinnen und Schweizer, miteinander zu arbeiten und nicht gegeneinander.
Dezember 2018: Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann verabschieden sich aus dem Bundesrat.

Ab 1997 im Aargauer Grossen Rat, kandidiert Doris Leuthard 1999 für den National- und Ständerat. Der damalige CVP-Parteisekretär Reto Nause, heute Berner Sicherheitsdirektor, liess Duschgel mit ihrem Gesicht verteilen. Die Aargauer Zeitung titelte «Duschen mit Doris».

Keystone

Gemeindeammann und Parteikollege Hannes Küng erfuhr aus dem Fernsehen von Doris Leuthards Rücktrittsankündigung. Überrascht sei er höchstens von der Selbstverständlichkeit gewesen, mit der sie ihre Pläne erstmals offengelegt habe, sagt er.

2017: Ammann Hannes Küng an der Wahlfeier für Bundespräsidentin Doris Leuthard Hannes Küng Gemeindeammann, Merenschwand. Wahlfeier für Doris Leuthard als Bundespräsidentin

2017: Ammann Hannes Küng an der Wahlfeier für Bundespräsidentin Doris Leuthard Hannes Küng Gemeindeammann, Merenschwand. Wahlfeier für Doris Leuthard als Bundespräsidentin

So etwas wie einen Doris-Leuthard-Effekt spürte Küng jeweils dann, wenn er irgendwo in der Schweiz seinen Wohnort nannte. Sein Fazit: «Merenschwand war noch nie so bekannt wie jetzt.» Es sei schön, als kleiner Ort in der Landesregierung vertreten zu sein, auch wenn sich daraus politisch keinen Nutzen ziehen lasse. «Wir können als Gemeinde nicht mit einem Anliegen zu ihr gehen und den Bundesrat bemühen.»

Diskretes Dorf

Auch für das Standortmarketing hat die Gemeinde Leuthards Popularität und Bekanntheit nie genutzt – nicht nur aus Diskretionsgründen, wie Küng sagt. «Das war gar nie nötig, wir wuchsen auch so schnell genug.»

Bundesrat

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Beste Werbung für ihren Wohnort macht die CVP-Politikerin von sich aus. Nach ihrer Wahl zur Bundespräsidentin etwa sagte sie: «Es ist eine grosse Ehre für mich, für meine Familie, für meine Wohngemeinde Merenschwand, genauso wie für den ganzen Kanton Aargau.»

Bei der anschliessenden Feier lud sie die Schweizer Politprominenz ins Freiamt ein. In Merenschwand wurde sie von den Einwohnern gefeiert, sie versprach im Gegenzug, man werde sie auch weiterhin im Volg beim Einkaufen antreffen. Den Rindsschmorbraten servierten die Frauen vom Turnverein, dem die Politikerin einst selbst angehört hatte, den prominenten Gästen.

Und auch auf der diesjährigen Bundesratsreise sorgte Leuthard dafür, dass die Schweizer Politwelt für einen Tag in den Aargau blickte. Die bundesrätliche Tour führte - wie könnte es anders sein - auch ins Freiamt. Leuthard und ihre Kollegen besuchten in Hägglingen eine Firma, die Strohhüte herstellt und sie verliessen die Fabrik mit einem persönlichen Exemplar auf dem Kopf. Beim anschliessenden Bad in der Menge zeigte sich: Die Bundesrätin steht bei der Aargauer Bevölkerung hoch im Kurs.