Völkerschau

«Menschenzoo» war im 19. Jahrhundert auch im Aargau Publikumsrenner

Heute mutet wahrlich seltsam an, was in Europa in der Blütezeit des Kolonialismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf grosses Interesse stiess: sogenannte Völkerschauen. Über 80 Jahre lang waren sie auch im Aargau Publikumsrenner.

Geschäftstüchtige Einzelunternehmer, Zoos und später Zirkusse tingelten mit ganzen Truppen von Menschen möglichst exotischer Herkunft in Europa von Ort zu Ort. Gegen Eintritt konnte man ihnen bei ihrem exotischen Leben, ihren Bräuchen und Tänzen zuschauen, Musik und Gesänge hören. In Zürich wies die Buchautorin Rea Brändle solche Völkerschauen für 1835–1964 nach.

Im Aargau zählte Brändle von 1882 bis 1964 rund 80 Völkerschauen, nämlich je 21 in Aarau und Baden sowie je mehrere in Brugg, Frick, Lenzburg, Menziken, Reinach, Rheinfelden, Wettingen, Wohlen und Zofingen. Ab 1928 waren die meisten Völkerschauen mit dem Zirkus Knie unterwegs. Dort konnte man tagsüber nebst dem Tierzoo in einem Seitenzelt auch exotische Menschen bestaunen, etwa 1928 die Truppen Fahmy Ezzat und Prinz Hessen Mohamed aus Ägypten (vgl. grosses Bild). 1938 berichtete ein Zeitungsreporter zum Knie-Programm in Brugg erfreut: «Als besondere Überraschung erleben wir einen Original-Indianer-Überfall mit dem Häuptling ‹Iron Horse›.» Den Indianern konnte man tagsüber im Seitenzelt bei Tänzen, Tomahawkwerfen usw. zuschauen.

Indianer zogen laut Brändle am meisten Menschen an. Schon 1882 fand im Casino-Theater Ennetbaden eine dreitägige Schau von sechs «Chippewa-Indianern» statt. Misstrauische Zeitgenossen konnten an der Kasse «Dokumente bezüglich Aechtheit der Indianer» einsehen. Per Inserat meldeten die Organisatoren im «Badener Tagblatt» schliesslich zerknirscht: «3 Indianer sind in Zürich entlaufen; es ist jedoch Aussicht vorhanden, dass dieselben heute Morgen zurückgeführt werden und die Abschiedsvorstellung von 6 Indianern stattfindet.»

In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts fanden die letzten solcher Schauen statt. Man wurde sich bewusst, dass es nicht angeht, Menschen wie in einem Zoo auszustellen. Erst recht, weil viele von ihnen mit unserem Klima nicht zurecht kamen. Besonders tragisch war das Schicksal einer Gruppe von zehn «Feuerländern» aus Chile, die im Februar 1882, von Paris (wo 500 000 Menschen sie sehen wollten!) über Berlin und Nürnberg kommend, in Zürich halb nackt ausgestellt wurden. Auf dem Weg nach Zürich starb eine der Frauen der Gruppe. In Zürich starben vier weitere Mitglieder. Doch mit den Überlebenden ging die Ausstellung weiter – zum reduzierten Preis.

Meist verliefen die Shows der Gruppen aus Afrika, Samoa oder vom Nordpol «in einer verblüffenden Normalität», wie es im Buch von Rea Brändle heisst. Vor 50 Jahren kam das Aus für diese Schauen. Weil den Menschen deren Ungehörigkeit klar wurde oder eher, weil ab dann Film und TV sowie Fernreisen die Sehnsucht nach Exotik bedienten?

Rea Brändle:Wildfremd, hautnah. Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze. Neuausgabe Rotpunktverlag Zürich, 2013.

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