Ein wegen Sexualdelikten mit Kindern verurteilter Mann darf die vollzugsbegleitende ambulante Behandlung nicht mehr besuchen. Das hat das Bundesgericht entschieden. Es wies eine Beschwerde gegen den vom Kanton Aargau verfügten Therapiestopp ab. Das Amt für Justizvollzug hatte im Februar die ambulante Behandlung mit sofortiger Wirkung aufgehoben – wegen Aussichtslosigkeit. Gleichzeitig ersuchte das Amt die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten, dem Bezirksgericht Bremgarten eine stationäre Massnahme zu beantragen.
Der heute 54-jährige Aargauer wurde vor zwei Jahren wegen schwerer Delikte zu sechs Jahren Haft verurteilt: mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern, sexuelle Nötigung, mehrfache Vergewaltigung, mehrfaches Verabreichen gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder und mehrfache Pornografie.

Rückblende: Der bei seinen Taten 48-jährige IV-Bezüger hatte sich perfide an ein 13-jähriges Mädchen rangemacht. Er nahm mit dem Smartphone seines 17-jährigen Sohnes Kontakt mit der Minderjährigen auf und gab sich anfänglich als sein eigener Sohn aus. Unter falschen Namen wechselte er dann auf sein eigenes Handy und chattete mit ihr weiter, obwohl sie ihn darauf hinwies, dass sie erst 13 Jahre alt sei. Er drängte auf ein Treffen und im Laufe von über zwölf Monaten trafen sich die beiden zweimal pro Woche; dabei ist er rund 20-mal in sie eingedrungen. Sogar in die Ferien des Mädchens mit ihrer Grossmutter reiste er nach und nötigte es zu Sex. Der Sexualtäter trieb die Minderjährige zunehmend in die Enge, forderte Nacktfotos von ihr und liess sie von seinem Sohn überwachen.

Für den Staatsanwalt war klar: Der Mann habe die Abhängigkeit und das Machtgefälle für die Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse skrupellos ausgenutzt. Aus Angst vor Blossstellung habe das Mädchen weiterhin alle sexuellen Handlungen mit ihm gegen ihren Willen zugelassen.

Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass der Mann vorher bereits ein anderes, 15-jähriges Mädchen nach dem gleichen Prinzip mehrmals mit psychischem Druck zum Geschlechtsverkehr gezwungen hatte.

Im Strafvollzug konnte der verurteilte Sextäter nun eine ambulante Therapie antreten. Doch diese brachte nicht den gewünschten Erfolg. Der Kanton entschied letzten Februar deshalb, die ambulante Behandlung «mit sofortiger Wirkung» anstelle einer stationären Therapie aufzuheben.

Das Amt für Justizvollzug stützte sich bei seinem Entscheid zum Therapiestopp auf ein Gutachten, wonach die ambulante vollzugsbegleitende Behandlung nicht intensiv genug sei, um Therapieerfolge zu erzielen. Dies geht aus dem gestern publizierten Urteil des Bundesgerichts hervor.

Die Richter in Lausanne befassten sich mit dem Fall, weil der 54-Jährige den Therapiestopp nicht akzeptiert hatte und den Entscheid weiterzog. Er war mit seinem Anliegen bereits vor dem kantonalen Verwaltungsgericht unterlegen.

Doch das Bundesgericht lehnte die Beschwerde ab. Selbst nach 61 Stunden Psychotherapie sei der Mann nicht in der Lage, Opfer-Empathie zu entwickeln. Er gebe sich in den Sitzungen nur vordergründig als angepasst. Der Mann verfügt gemäss Gutachten über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Auch seien dissoziale, paranoide und manipulative Persönlichkeitszüge auszumachen. Es bestehe gemäss Gutachten auch ein mittleres bis hohes Rückfallrisiko.

Briefe an das Opfer

Das Bundesgericht folgte der Gutachterin, die zum Schluss kam, dass der Mann «nach wie vor emotional überhaupt nicht erfasst habe, wie negativ und destruktiv sein Verhalten für die Geschädigte» sei. Der Beschwerdeführer verfüge über ein «völlig unzureichendes Problembewusstsein».

Sein Verhalten im Gefängnis unterstreicht dies. Wie aus dem Bundesgerichtsurteil hervorgeht, hat er im September 2016 – nur drei Monate nach seiner Verurteilung – versucht, sein Opfer in Missachtung des Kontaktverbotes brieflich zu kontaktieren. Schon ein Jahr zuvor wurde er aufgrund des gleichen Verhaltens verwarnt. Einen weiteren Beweis für seine Uneinsichtigkeit lieferte der Sextäter mit seiner Antwort: Er habe während seiner Inhaftierung dem Opfer bereits 17 Mal einen Brief geschrieben. Deshalb sei er davon ausgegangen, dass auch der jüngste Brief nicht auffliege.