Erziehung
Mehr Bewegung und frische Luft für Aargauer Kinder

Die Aargauische Gemeinnützige Gesellschaft tut viel Gutes – nicht zuletzt für die Jüngsten im Kanton.

Andreas Fahrländer
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«Alles, alles, gross und chli»: Silvia Glauser lässt den Kindern in der Spielgruppe Sternschnuppe viel Freiraum.

«Alles, alles, gross und chli»: Silvia Glauser lässt den Kindern in der Spielgruppe Sternschnuppe viel Freiraum.

Mario Heller

Stolz bietet Grâce den Besuchern Pizza aus Schafwolle und Holzscheiben an. Zweimal in der Woche kommt die Dreijährige morgens in die Spielgruppe Sternschnuppe in Teufenthal. Die Leiterin Silvia Glauser und ihre Kollegin Sibylle Müller begleiten die Kinder nicht nur beim Spielen. Sie zeigen ihnen auch einfaches Handwerk, mahlen Mehl, backen Brötli, rüsten Gemüse für das Znüni und gehen mit ihnen bei jedem Wetter in den Garten.

Vier Buben und zwei Mädchen sind heute in die Spielgruppe gekommen. Sie dürfen vieles selbst ausprobieren, aus Leitern und Holzbrettern Türme und Strassen bauen oder vom Kajütenbett auf die Matratze springen. Baran und Robin bauen eine Rutschbahn für Tannzapfen. Annika, Grâce und Leon füllen den Bauch einer Arche Noah mit Kastanien und Holzspielzeug.

Mehr Bewegung und frische Luft

Das Projekt «Kinder in Bewegung» der Aargauischen Gemeinnützigen Gesellschaft (AGG, siehe Kasten) unterstützt seit 2014 Kitas, Spielgruppen und Kinderhorte finanziell und mit einer Ausbildung für Spielgruppen- und Kitaleiterinnen. Sie setzt sich zusammen aus einem Referat von Dominique Högger von der Beratungsstelle Gesundheitsbildung und Prävention der Pädagogischen Hochschule, einem Tagesseminar und einer persönlichen Beratung mit Silvia Glauser. Das Angebot stiess auf offene Ohren: Die AGG wurde von Kursanmeldungen überrannt.

Aargauische Gemeinnützige Gesellschaft

1811 wurde die Vorläuferin der Aargauischen Gemeinnützigen Gesellschaft (AGG) in Aarau gegründet: die «Gesellschaft für vaterländische Cultur im Aargau». Initiatoren waren die liberalen Geistesgrössen der Zeit, allen voran Heinrich Zschokke, Remigius Sauerländer und Nepomuk von Schmiel. Der Kanton Aargau war da gerade acht Jahre alt. Der Begriff des Aargaus als Kulturkanton entstand erst durch die Kulturgesellschaft. Kultur ist hier im weitesten Sinne zu verstehen: allgemeine Volksbildung, Schulpflicht, Bekämpfung von Armut und Hunger, Pflege von Kranken, Bedürftigen und Waisenkindern und vieles mehr.

Das Emblem der AGG ist ein Siegel mit fünf Ähren, die jeweils für eine «Klasse» der Kulturgesellschaft stehen: die staatswissenschaftliche, die historische, die naturhistorische, die landwirtschaftliche und die Klasse für Gewerbe und Wohlstand. Das Siegel wurde auch von der «Zinstragenden Ersparniskasse» verwendet, aus der schliesslich die Neue Aargauer Bank wurde. Schon früh wurden unter dem Dach der AGG elf Bezirksgesellschaften gegründet, die zwar ähnliche Ziele verfolgten, aber individuell und mit verschiedenen Schwerpunkten wohltätig waren und immer noch sind. Aus dem Pioniergeist der AGG und deren Bezirksgesellschaften entstanden Institutionen wie die Witwen- und Waisenkasse, die Lungenheilstätte Barmelweid, zahlreiche Altersheime oder die Taubstummenanstalt Landenhof.

Mehr zur Geschichte der AGG finden Sie im Buch: «Zur Wohlfahrt des Ganzen und zum Segen des Einzelnen», Heiner Halder, Lenzburg 2011.

Viele kleine Kinder sind sich heute gar nicht mehr gewöhnt, sich beim Spielen zu bewegen. Manche kommen kaum an die frische Luft. Das führt oft zu Übergewicht, Haltungsschäden oder einer schlecht entwickelten Motorik. Genügend Bewegung fördert dagegen die Konzentrationsfähigkeit, die kognitive Entwicklung und nicht zuletzt soziale Fähigkeiten.

«Kinder einfach machen lassen»

Iris Bichsel ist Präsidentin der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Zofingen und Vizepräsidentin der AGG. Sie begleitet das Projekt «Kinder in Bewegung» von Beginn an. Bichsel sagt, die Kinder hätten so tolle Ideen, man müsse sie einfach machen lassen.

Und genau das ist das Ziel des Projekts: die Kinder sollen sich frei bewegen können beim Spielen, kreativ sein und Neues ausprobieren. «Mehr Bewegung heisst hier aber nicht mehr Sport», sagt Bichsel. Es brauche wenig, um die Kinder zu fördern. Spielgruppenleiterin Silvia Glauser sagt: «Die Kinder brauchen ein bewegungsanregendes Umfeld.» Das Wichtigste sei, dass die Kinder frei entscheiden könnten, wie sie ihre Ziele erreichen. Das heisse nicht, dass man keine Grenzen setze. Aber die Grenzen sollten nicht zu eng sein.

Glauser gibt bei ihren Besuchen ihr Wissen weiter und zeigt ihren Kolleginnen, wie sie mit einfachsten Mitteln die Bewegungsvielfalt der Kinder fördern können. Grâce spricht zu Hause Französisch und Portugiesisch, Baran Kurdisch. Die beiden haben kein Problem, sich mit den anderen zu unterhalten.

Integration ganz nebenbei

Alle sechs Kinder spielen und bewegen sich ganz selbstverständlich zusammen. Die gesprochene Sprache sei in dem Alter noch gar nicht so wichtig, sagt Glauser. So gelingt auch die sprachliche Integration ganz nebenbei. Nach dem Spielen singt Silvia Glauser mit den Kindern das Aufräumlied: «Ufruume, ufruume, jetzt isch es Ziit. Lueged was alles umeliit.» Die Kinder werden ganz still. Sie räumen die Holzeisenbahn weg, die Leitern und Bretter, die Kastanien und Tannzapfen und singen leise mit: «Alles muess versorget sii. Alles, alles, gross und chli.»

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