Industrialisierung
Mehr als Römer und Habsburger: Regierung will Aargauer Industriegeschichte aufarbeiten

Die Aargauer Regierung macht einen unkonventionellen Vorschlag, wie die gründliche Beschäftigung mit der im Kanton unbestritten wichtigen, aber bisher eher vernachlässigten Industriegeschichte möglich werden könnte.

Jörg Meier
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Die Aargauer Industrie (im Bild die Halle II der Brown Boveri in Baden im Jahr 1926) hat die Entwicklung des Kantons in den letzten 200 Jahren wesentlich geprägt und Wohlstand ermöglicht.

Die Aargauer Industrie (im Bild die Halle II der Brown Boveri in Baden im Jahr 1926) hat die Entwicklung des Kantons in den letzten 200 Jahren wesentlich geprägt und Wohlstand ermöglicht.

ETH-Bibliothek

Wenn von der Aargauer Geschichte die Rede ist, geht es meistens um die Römer, um die Habsburger oder um Burgen und Schlösser. Dass der Kanton auch auf 300 Jahre Industriegeschichte zurückblicken kann, in deren Verlauf Wirtschaft, Gesellschaft und Lebenskultur radikale Veränderungen erfuhren, ist kaum bekannt.

Dabei nahm der Kanton Aargau schon in der Frühphase der Industrialisierung eine Vorreiterrolle ein. War es im 18. und 19. Jahrhundert noch in erster Linie die Textilindustrie, welche die wirtschaftliche Entwicklung vorantrieb, gewannen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts die Metall-, Maschinen- und Elektroindustrie und im 20. Jahrhundert zusätzlich die chemische Industrie eine zentrale Bedeutung. Doch die Bedeutung der Industriegeschichte für den Aargau wurde bisher kaum untersucht und gewürdigt.

Wozu alte Maschinen sammeln?

Im Gegenteil: Bis vor einigen Jahren war es im Aargau noch gang und gäbe, dass Zeugen der Industrialisierung zum Verschwinden gebracht wurden: Alte Firmengebäude wurden abgebrochen, Maschinen verschrottet, Firmenarchive gleich lastwagenweise entsorgt. Dies geschah meistens nicht in böser Absicht, sondern weil man sich vielerorts einfach nicht bewusst gewesen sei, dass es sich um wertvolles Kulturgut handelte, erklärt Thomas Pauli, Leiter Kultur beim Kanton.

«Bisher hat man der Industriegeschichte im Kanton zu wenig Beachtung geschenkt. Es gibt zwar lokale Initiativen und auch Museen, die wichtige Objekte zeigen, aber es fehlt die Vernetzung.» Insgesamt sei die Industriegeschichte noch zu wenig sichtbar, habe im Aargau noch keine eigene Identität, wie sie etwa die Bereiche «Römer» oder «Habsburger» aufzuweisen haben, konstatiert Pauli.

Thomas Pauli, Leiter Abteilung Kultur

Thomas Pauli, Leiter Abteilung Kultur

AZ

Doch das soll sich nun ändern. Zwar hat die Regierung schon vor Jahren erkannt, dass es auch Aufgabe des Kantons ist, wichtige industriegeschichtliche Zeugnisse zu sichern. Das belegt auch die Sammlung von Museum Aargau, die schon viele wichtige Objekte der Industriegeschichte gesichert hat. So gelang es etwa, einen repräsentativen Bestand von Möbeln aus Aargauer Produktion zu sichern; ebenso sind Aargauer Waschmaschinen im Depot des Museum Aargau in Egliswil versammelt; fast wäre vergessen gegangen, dass es im Aargau einst rund ein Dutzend verschiedene Firmen gab, die Waschmaschinen herstellten.

Auch wichtige Bestände der ehemaligen Injecta in Teufenthal befinden sich inzwischen im Museum Aargau. Aber die finanziellen Mittel des Kantons sind knapp. Wie in der Archäologie müsse man sich auch in der Industriegeschichte auf absolute «Notgrabungen» beschränken, erklärte Pauli.

Viel Sympathie, aber kein Geld

Im Oktober 2016 fand unter dem Titel «Industriewelt Aargau» ein Workshop mit 80 Interessierten aus Kultur, Politik und Wirtschaft statt. Dabei wurde deutlich, dass es den Teilnehmenden ein Anliegen ist, dass, gerade in einer Phase des Umbruchs, die Bedeutung der Industriekultur in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bevölkerung im Aargau und darüber hinaus stärker ins Bewusstsein zu bringen.

Der erste Schritt nach der Tagung war ein politischer – und er wurde rasch gestoppt. Mit einem Themenjahr «Industriegeschichte Aargau» sollte 2019 die aargauische Industriegeschichte ins Bewusstsein gerückt werden, ähnlich wie das 2015 mit dem Themenjahr zu 1415 gelungen ist. Grossrätinnen und Grossräte aus allen Parteien reichten eine entsprechende Interpellation ein, mit dem Ziel, dass der Kanton ein solches Jahr finanziert, lanciert und organisiert.

Doch die Antwort der Regierung fällt ernüchternd aus: Man zeigt zwar viel Sympathie für das Anliegen. Aber aufgrund der angespannten Haushaltlage kann das zuständige Bildungsdepartement ein solches Themenjahr weder planen noch organisieren. Aber – und da liegt eine Hoffnung – der Regierungsrat rät den Initianten des Themenjahres Industriekultur, sie mögen doch selber ein Konzept erarbeiten und nach Geldgebern Ausschau halten. Wenn das gelinge, seien die Chancen gut, dass der Kanton aus dem Swisslos-Fonds bis maximal 50 Prozent der Kosten übernehmen könnte.

Breite Trägerschaft angestrebt

«Die Regierung hat damit den Ball ins Feld gespielt. Die Abteilung Kultur steht am Spielfeldrand und verfolgt das Geschehen aufmerksam», sagt Thomas Pauli. Und er zieht einen Vergleich zum Gedenkjahr 1415: «Für das Themenjahr 2015 stellte der Kanton 900 000 Franken aus dem Swisslos-Fonds zur Verfügung.» Wichtig sei, dass die Initianten nun Politik, Industrie und Wirtschaft, aber auch Aargau Tourismus mit aufs Spielfeld «Industriegeschichte» bitten würden. Das wissen auch die beiden Historiker Bruno Meier und Dominik Sauerländer, die zusammen im Auftrage des Kantons Vorüberlegungen zum Projekt «Industriewelt Aargau» angestellt haben und den Workshop organisiert haben.

Bruno Meier, Historiker

Bruno Meier, Historiker

AZ

«Nachdem das Projekt nicht unter der Federführung des Kantons realisiert werden kann, ist der Weg an sich klar», sagt Bruno Meier. «Es braucht eine breite Trägerschaft, die einen Projektantrag an den Swisslos-Fonds ausarbeitet, finanzielle Mittel beschafft und dann das Themenjahr mit allen Beteiligten plant und organisiert.» Das Interesse am Thema Industriegeschichte sei gross, sagt Meier. Das zeige auch das breite Echo, das der Workshop ausgelöst habe; auch Vertreter der aargauischen Handelskammer, von Hightech Aargau und von Tourismus Aargau hätten teilgenommen.

Zusammen mit den Historikern und den Museen wären sie in der Trägerschaft höchst willkommen. «Es geht nicht darum, einen neuen Standort für den Bereich Industriegeschichte zu schaffen», sagt Bruno Meier, «Es geht um eine bessere Vernetzung, um das Bewusstmachen der Bedeutung der Industriegeschichte – und natürlich auch um das Vermarkten der publikumswirksamen Objekte.»

Und wer soll die treibende Kraft bei der Gründung der Trägerschaft sein? Meier beschäftigt sich seit Jahren immer wieder mit der Aargauer Industriekultur, hat schon mehrere Anläufe für deren Etablierung im Aargauer Geschichtsbewusstsein unternommen. «Ich wäre nicht traurig, wenn jetzt ein anderer den Karren ziehen täte», sagt er. Im Laufe des Sommers soll klar sein, ob es weitergeht und wie.

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