Die Mehrheit scheitert bereits an der ersten Hürde: Letztes Jahr bewarben sich 3310 Personen um 793 Plätze für ein Medizinstudium – drei von vier Bewerbern gingen leer aus. Entsprechend gross ist der Druck, der am Eignungstest auf den Teilnehmern lastet. Reicht es nicht, gerät die Ärzte-Karriere ins Stocken, noch bevor sie begonnen hat.

Unterstützung für nervöse Kandidaten bietet die Medtest Schweiz GmbH mit Sitz in Aarau an. Sie organisiert in mehreren Schweizer Städten Testsimulationen sowie fünftägige Kurse. Letztere kosten 1380 Franken – bei Misserfolg wird nur die Hälfte verrechnet. Ein Geschäftsmodell, das sich zu lohnen scheint. 2014 nahmen rund 500 Personen an den Kursen, rund 400 an den Testsimulationen teil.

Rätsel um gestohlene Fragen

Gegen das Unternehmen läuft nun aber ein Verfahren wegen Betrug, Hehlerei und Verstoss gegen das Urheberrecht. Hinter der Strafanzeige steckt Swissuniversities, die zum Jahresbeginn die Rektorenkonferenzen der Schweizer Universitäten abgelöst hat.

Der Grund: Bei der Vorbereitung im letzten Jahr stellte Medtest ihren Kunden Übungen zur Verfügung, die kurz darauf genau gleich am Eignungstest zu lösen waren. Wer sich bei der Aarauer Firma vorbereitete, kannte 14 der 198 Fragen schon im Vorfeld. Brisant: Sie wurden vor einigen Jahren gestohlen.

Jaromir Bregy von Swissuniversities bestätigt, dass die Originalaufgaben ausserhalb der Schweiz widerrechtlich entwendet worden sind. «Wie das damals gelaufen ist, wissen wir nicht mit Sicherheit.» Das sei schwierig zu rekonstruieren.

Fest steht: Eine Auswahl ist nun wieder aufgetaucht – bei der Medtest Schweiz GmbH. «Wir haben Kenntnis davon, dass die Aufgaben Testteilnehmenden im Rahmen eines Vorbereitungskurses zugänglich gemacht wurden», sagt Bregy. In einem anonymen Brief seien sie darauf aufmerksam gemacht worden.

Zwar wären sich in der Vergangenheit schon mehrmals Aufgaben der kostenpflichtigen Trainings-Angebote und des Eignungstests ähnlich gewesen. «Aber zum ersten Mal waren nun identische Fragen bereits vor dem Test im Umlauf.»

Streit um das Copyright

Medtest-Geschäftsführer Philip von der Mühll wehrt sich gegen die Vorwürfe: «Die Übungsaufgaben erstellen wir anhand der Rückmeldungen von Teilnehmern. Erinnert sich jemand besonders genau, können die Fragen sehr nahe am Original sein. Für uns ist es unmöglich zu überprüfen, ob die uns gemeldeten Aufgaben gestohlen wurden oder nicht.» Das wieder aufgetauchte Material sei 1997 in Deutschland entwendet worden. «Wir können nicht davon ausgehen, dass so alte Aufgaben beim Eignungstest wiederholt werden.»

Zudem seien diese bereits verschiedentlich verwendet und somit öffentlich publiziert worden. Von der Mühll zweifelt deswegen, ob diese überhaupt noch schützenswert seien. «Copyright ist keine exakte Wissenschaft.» Medtest werde an ihrer Praxis auch in Zukunft nichts ändern. «Gemäss unseren Abklärungen haben wir kein Copyright-Problem.»

Zweifel an den Vorwürfen gegenüber dem Unternehmen hegt offenbar auch die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau. Jedenfalls hält sie den Anfangsverdacht für nicht gross genug, um gegen die Medtest Schweiz GmbH vorzugehen: Sie hat eine Nichtanhandnahmeverfügung erlassen. Dagegen hat Swissuniversities allerdings Beschwerde erhoben. Nun muss das Aargauer Obergericht entscheiden, ob es die Einschätzung der Staatsanwaltschaft teilt oder nicht. Aufgrund des laufenden und nicht öffentlichen Verfahrens äussern sich derzeit weder Obergericht noch Staatsanwaltschaft dazu.